Donna Leon zu Gast im Großen Haus
Romane mit Rezitativ und Arie

Münster -

Als Manfred Osten die Autorin am Ende der Literaturbegegnung um ein Schlusswort bittet, leitet Donna Leon kühn zu ihrer deutschen Vorleserin über. Mit der Bitte, „mal was Glückliches zu lesen“. Und Schauspielerin Annett Renneberg weiß, wonach sich das Publikum nun sehnt: nach einem Buchkapitel, in dem der Commissario mit seiner Ehefrau Paola über seine Leidenschaft für Risi e bisi flachst, die italienischen Erbsenspezialität. So schlicht kann gute Unterhaltung sein.

Donnerstag, 06.06.2019, 18:20 Uhr
Moderator Manfred Osten lauscht Donna Leons Ausführungen, die Dolmetscherin Nadine Hegmanns (2. v. r.) gleich ins Deutsche übersetzen wird. Annett Renneberg liest auf deutsch kurze Passagen aus Leons neuem Venedig-Krimi.
Moderator Manfred Osten lauscht Donna Leons Ausführungen, die Dolmetscherin Nadine Hegmanns (2. v. r.) gleich ins Deutsche übersetzen wird. Annett Renneberg liest auf deutsch kurze Passagen aus Leons neuem Venedig-Krimi. Foto: Oliver Werner

Mancher im Großen Haus hätte sich vielleicht mehr solcher atmosphärischen Abstecher in den neuen, 28. Venedig-Krimi Donna Leons gewünscht. Einmal nur liest die amerikanische Autorin auf Englisch aus ihrem jüngsten Werk mit dem vieldeutigen Titel „Ein Sohn ist uns gegeben“, und nur zweimal lässt Annett Renneberg ihre wunderbar sanfte Lesestimme erklingen. Nicht so sehr das neue Buch, in dem die Autorin eine zweifelhafte Erwachsenen-Adoption zum Ausgangspunkt für Ärger und sogar Mord gewählt hat, bestimmt diese Literaturbegegnung. Vielmehr geht es Moderator Manfred Osten als Diplomat um Leons zweite Passion neben dem Schreiben, die Musik, um ihre profunden Kenntnisse der venezianischen und römischen Geschichte. Und um ihre Beobachtungen aus der italienischen Lagunenstadt, in welche die Autorin 1981 zog, die sie inzwischen aber verlassen hat.

Und Osten schürft tief. Etwas umständlich forscht er nach „doppelten Böden“ in Leons jüngstem Werk – sprich: nach ihrer Kennerschaft in Sachen Musik, die Buchtitel und Inhalt des Buches für ihn offenbaren. Die sportliche gewandete Schriftstellerin bekennt sogleich ihre Vorliebe für Barockmusik und ihre Förderung des italienischen Barockensembles pomo d’oro. „Das Leben war gut zu mir“, begründet sie, „und ich gehöre zu der Generation, die glaubt, etwas davon zurückgeben zu müssen.“ Ihr Credo, für das sie viel Applaus erhält: „Man muss so etwas Schönes wie die Kultur am Leben erhalten.“

Wie viel Humor und Spontaneität die Autorin besitzt, die ihre humanistische Bildung auch im jüngsten Werk an ihren Roman-Protagonisten Brunetti weitergibt, zeigt sich darin, dass Leon verrät, wie der Fahrplan ihrer Lesereise zustande kam. Ihre Forderung gegenüber dem Verlag: „Die letzte Station muss Innsbruck sein.“ Weil es von dort nur ein Katzensprung nach Salzburg mit seinen Festspielen ist. Oder, wie Dolmetscherin Nadine Hegmanns lachend ins Deutsche übersetzt: „Sie alle hier sind nur Mittel zum Zweck.“

Viel wird über Venedigs Situation angesichts von Kreuzfahrtschiffen, Ferienwohnungen und Touristenströmen gesprochen. Auch hier ist Leon eine profunde Kennerin, die wild gestikuliert, vielsagend pfeift und den Kopf aus Verzweiflung auf die Arme legt, wenn es darum geht, wie fahrlässig die italienischen Behörden auf diese Probleme reagieren. Die 76-Jährige wirft dann schon mal neckisch die Haare in den Nacken, um zynisch über Venedigs Bürgermeister zu zischen: „He’sbeautiful“. Sie bekennt, wie sehr ihr Menschen widerstreben, „die sich nicht auf Fakten einlassen“.

Ihre Offenheit rührt an. Auch, als sie selbstkritisch gesteht, dass sich die Oper in nahezu jedem ihrer Bücher wiederfindet. Und dass ihr selbst erst vor einigen Jahren klar geworden sei, dass auch ihre Romane aus Elementen wie Rezitativ und Arie bestehen.

Der Abend im Großen Haus des Theaters Münster endet mit der Signatur ihrer Bücher, für die die vielen Zuhörer lange Schlange stehen.

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