Studentenkantorei konzertierte in der Universitätskirche
Zwischen Tragik und Tango

Münster -

Bekenntnisse eines Künstlers verraten selten exklusive Geheimnisse: „Die meisten Menschen haben heute keinen Glauben, keine Liebe und keine Ideale mehr. Die geistige Dimension geht verloren. Ich will den Seelen Nahrung geben. Das predige ich in meinen Werken“, so wurde der lettische Komponist Pēteris Vasks (*1946) im Programmzettel des Observantenkonzerts zitiert. So oder ähnlich klingt die Litanei der Älteren über die Jüngeren schon seit Jahrtausenden.

Montag, 01.07.2019, 14:24 Uhr aktualisiert: 01.07.2019, 14:28 Uhr
Studentenkantorei und Orchesterakademie unter Ellen Beinert in der Observantenkirche
Studentenkantorei und Orchesterakademie unter Ellen Beinert in der Observantenkirche Foto: Moseler

Vasks derart beschriebene „spirituelle Grundlage“ galt dem Opus „Dona nobis pacem“ für Chor und Orchester, mit dem das Konzert in der lichtüberfluteten Universitätskirche eröffnet wurde. Durch diese Zeile hallte Melodisches wie ein hymnisches Echo. Studentenkantorei und Orchesterakademie unter Ellen Beinert interpretierten diese Musik vollkommen aus der Perspektive beschwörerischer Inbrunst heraus, als könne hier die definitive Lösung sämtlicher Welträtsel gehört werden.

Kopisten erkennt man an der Genauigkeit ihrer Fehler: Karl Jenkins’ (*1944) Concerto grosso „Palladio“ für Streichorchester tobt sich in neobarocker Manier motorisch aus und klingt, als spazierten nach einer Choreographie Antonio Vivaldis diverse Personalstile von Corelli bis Händel durch die Partitur. Nur ein Personalstil wird niemals hörbar: der des Komponisten Jenkins. Ellen Beinerts Vergnügen an emphatischer Dramatik ließ dieses Werkchen mitunter schier über sich hinauswachsen. Dennoch klang das „Largo“ wie ein Soundtrack „auf der Suche nach einer verlorenen Melodie“ und erwies sich, Jahreszeitliches tremolierend, im Finale als modische Posse.

Die Komposition jüngsten Datums (2012!), ein lateinamerikanisches „Tango-Magnificat“ von Martín Palmeri (*1965) war das letzte Werk des Abends. Gerade die „subversive Kraft“ des Tangos „gegen strenge, auch kirchliche Moralvorstellungen“, die der Programmzettel soufflierte – es geht um die schwangere Maria und feministische sowie Befreiungstheologie – schien von einer Musik lanciert, deren tragische Tonalitätsposen und eiserne Tango-Mentalität zum kreativen „Anything goes“­ tendierten. Ein Bandoneon spendierte instrumentales Lokalkolorit, ein Flügel koloristische Arabesken. Fabelhaft die Sopranistin Lea Maria Koch und Mezzosopranistin Anna-Lisa Gebhardt, tadellos Chor und Orchester. Verzehrend die vorsätzlichen Leidenschaften der Musik, deren standardmäßige Rassigkeit sich in ereignisloser Euphorie verausgabte. Es gibt Partituren, die man nie gehört hat – und nach zehn Takten wie (ur-)alte Bekannte klingen. Herzlicher Beifall für ein großherzig gespieltes Konzert jenseits der Linien.

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