„Jusi“ spielte Beethoven und Tschaikowsky
Das Publikum tobte

Münster -

Die Wertschätzung großer Kollegen gilt bei großen Künstlern vorzugsweise sich selber. Ludwig van Beethoven rechnete seinen Ruhm großzügig auf Jahrhunderte hoch, Peter I. Tschaikowsky haderte mit seinem Ruf als begnadeter Populist. Dabei war beiden existenzieller Furor unabdingbar auch dann, wenn sie in opulenten Schlachtengemälden Napoleon besiegten und kompositorische Solidität in propagandistischen (Kanonen-) Donner umschlug.

Donnerstag, 04.07.2019, 22:07 Uhr aktualisiert: 04.07.2019, 22:20 Uhr
Dorel Golan spielte Tschaikowskys Klavierkonzert.
Dorel Golan spielte Tschaikowskys Klavierkonzert. Foto: Günter Moseler

Das Konzert „#entgrenzungen“ des Jungen Sinfonieorchester (Jusi) der WWU (ein Schwerpunktthema mit Blick auf die deutsche Wiedervereinigung 1989) kombinierte also nicht zufällig das Unterschiedlichste: Beethovens Sinfonie Nr.3 Es-Dur aus der hohen Warte des ideellen Revolutionärs traf in der Aasee-Aula auf Tschaikowskys Evergreen-Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll.

Die Pianistin Dorel Golan flog eher über die Einleitungstakte, als deren wuchtige Akkordketten quer über die Tastatur zu stemmen. Auch Dirigent Bastian Heymel ließ das Orchester den monumentalen Eröffnungshymnus eher sachlich intonieren, als sollte eine Groschenheft-Episode als Illusion entlarvt werden. Der lyrische Zugriff der Solistin ähnelte folgerichtig der verständnisvollen Variante einer Interpretation, die jeden Takt-Zentimeter auf seine Seriosität hin abwägt. Vieles im Kopfsatz klang langsamer und leiser, zahlreiche Momente schienen spekulativ-meditativer Deutung offen, die große Solo-Kadenz klang, als erwachte sie auf tiefstem Dornröschenschlaf. Sensation und Sensibilität schienen in Golans Dialog-Regie mit dem Orchester endlich versöhnt, der rasche Mittelteil des träumerisch ausgespielten „Andantino semplice“ wirkte kapriziös, nur durchs tänzerische Finale irrlichterten unerwartete Akzente. In zwei von drei Zugaben (Sergei Prokofjews Etüde d-Moll und Fazil Says Paganini-Jazz-Studie) blitzte und funkte es wie im besten Show-Act – das Publikum tobte.

Beethovens „Eroica“ mag heutzutage überraschungsfrei und wie sicheres Gelände für den Abonnenten-Gourmet klingen, aber es waren Schroffheit und brachialer Elan, die Heymels interpretatorische Konzeption kennzeichneten, unverblümter Zugriff auf eine Musik, deren heroische Anwandlung sich auch zweifelsfreiem Überschuss künstlerischen Sendungsbewusstseins verdankt. Dass nicht stilisiertes Klangdesign Verwegenheit und Radikalität des Kopfsatzes abbilden, wurde durch abenteuerlich agierende Streicher ebenso hörbar wie bei den Hörnern im „Scherzo“. Fahl, aber nicht schleppend der „Marcia funebre“, euphorisch das Finale, manchmal ohne Rücksicht auf (instrumentale) Verluste: So macht man Musik: jenseits der Sorge um schnöde Materie. Ovationen.

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