„Jedermann“-Inszenierung in Salzburg
Mehr Manager als faustischer Typ

Salzburg -

Es ist das größte Musik- und Theaterfestival weltweit. Die Salzburger Festspiele beginnen mit einer neuen Besetzung der „Buhlschaft“ in Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel „Jedermann“.

Montag, 29.07.2019, 15:54 Uhr aktualisiert: 30.07.2019, 16:33 Uhr
Noch sind die beiden in Feierlaune: Valery Tscheplanowa als laszive „Buhlschaft“ und Tobias Moretti als „Jedermann“ vor der Salzburger Domkulisse.
Noch sind die beiden in Feierlaune: Valery Tscheplanowa als laszive „Buhlschaft“ und Tobias Moretti als „Jedermann“ vor der Salzburger Domkulisse. Foto: dpa

Vielleicht waren die höllischen Drohungen im exakt 700. „Jedermann“ der Salzburger Festspielgeschichte doch nicht so ganz von der Hand zu weisen. Über Nacht hat sich nämlich die lieblich-flache Salzach in der Festspielstadt in einen reißenden Hochwasserstrom verwandelt. 

Der Schnürlregen jedenfalls hatte die „Festgesellschaft“ am Tisch des gottvergessenen Prassers und Lebemanns bereits am Sonntagabend vom Domplatz rechtzeitig und mit weiser Voraussicht ins Große Festspielhaus getrieben, das Publikum ging klaglos und gerne mit und feierte den „Jedermann“ Tobias Moretti und die Seinen mit stürmischem Applaus und Bravos. Doch die eigentliche Regie im Spiel um das Sterben des reichen Mannes führt ein anderer: Peter Lohmeyer , der schlanke Westfale, dem die Rolle des Todes über die Jahre wie auf den Leib geschneidert scheint. So bekam er verdienten Extraapplaus.

Routinierter und moderner Manager mit Geldkoffer

Der Tod schleicht übrigens in seinem schwarzen Überhang schon zu Beginn des Spiels als Ansager einher, was ihm besondere Schlüsselqualifikation verleiht, und der Herrgott, den vor 30 Jahren noch Will Quadflieg sprach, erhebt seine mahnende Stimme (ebenfalls Lohmeyer) gegen die „verhärtete Kreatur“ in der Inszenierung von Michael Stur­minger erst weit später.

Die „Jedermann“-Inszenierung 2019 in Salzburg

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  • In Hugo von Hofmannsthals Stück „Jedermann“ präsentieren sich Valery Tscheplanowa als „Buhlschaft“ und Tobias Moretti als „Jedermann“ bei der Premiere der Salzburger Festspiele am Domplatz.

    Foto: Barbara Gindl
  • „Buhlschaft“ Valery Tscheplanowa in dem Stück „Jedermann“. Im Rücken die musikalische Begleitung des Geigenensembles.

    Foto: Barbara Gindl
  • In ihrem feuerroten Kleid wirbt die „Buhlschaft“ um die Liebe ihres Angebeteten „Jedermann“.

    Foto: Barbara Gindl
  • „Jedermann“ Tobias Moretti und seine Geliebte Buhlschaft (Valery Tscheplanowa).

    Foto: Barbara Gindl
  • Filmregisseur David Schalko und Schauspielerin Mavie Hörbiger, in „Jedermann“ als „Werke“ vertreten, bei der Premiere der Salzburger Festspiele.

    Foto: Franz Neumayr
  • Der „Glaube“ Falk Rockstroh (l.) bei der Begegnung mit dem „Teufel“, gespielt von Gregor Bloeb (r.), und Mavie Hörbiger als „Werke“ in der Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“.

    Foto: Barbara Gindl
  • In der Schlussszene: Peter Lohmeyer (l.) als der „Tod“ umschließt Tobias Moretti in der Rolle des „Jedermann“ mit seinem riesigen Cape.

    Foto: Barbara Gindl

Wer nun befürchtet, im Großen Festspielhaus gebe es nur eine Not- und Ausweichkulisse, wird angenehm überrascht. Die Dombögen sind im Hintergrund als Projektion oder Bild fast ebenso schön zu sehen wie die realen draußen, die Bühnenausstattung ist die gleiche (Renate Martin und Andreas Donhauser), und die Lichtregie taucht die vorgelagerten, abstrakt angedeuteten Bögen auch hier je nach dramaturgischem Bedarf in weißes, goldenes oder höllisch rotes Licht. Der Clou des Ganzen ist freilich die Hebebühne, und als der Tod dem Jedermann zu Leibe rückt, wird sie zur schiefen Ebene, die alles Leben ins Rutschen und die Festgesellschaft in Panik bringt. Diese darf zuvor singen und tanzen, und das gelingt in der Choreografie von An­dreas Heise und der musikalischen Leitung von Wolfgang Mitterer vorzüglich.

Tobias Moretti, der nicht immer verständlich deklamiert, spielt den Jedermann als routinierten und modernen Manager mit Geldkoffer, den eher Melancholie und Migräne plagen. Fast möchte man Mitleid mit ihm haben. Nur ganz sporadisch, etwa als er sich den Dom schon als neuen Lust-Palast ausmalt, blitzt kurz etwas Zynisches und Faustisches in ihm auf. Doch das vergeht ihm schnell, wenn es ihm in der Brust eng wird und der Kopf hämmert.

Starke Schlussszene

Die neue Buhlschaft Valery Tscheplanowa bietet dem Geliebten heiße Garderobe und Gesänge, doch sie repräsentiert nicht die willige Gespielin, sondern eher die rationale Liebhaberin, die letztlich über den Dingen steht. Echte Gefühle zeigt da eher Mavie Hörbiger als „Werke“, und die bekommt Sonderapplaus. Ebenso wie „Mammon“ Christoph Franken, der den Jedermann niederringt, und „Jedermanns Mutter“, die unermüdlich mahnende Edith Clever. Tobias Morettis Bruder Gregor Bloéb überzeugt in üblicher Doppelbesetzung als Guter Gesell weitaus mehr als in der Rolle des Teufels. Denn da agiert er wie ein trotziges Rumpelstilzchen, nölt wie Udo Lindenberg und spielt mit seinem Schwanz. Diesen Tobenden nimmt eigentlich niemand so richtig ernst, aber dem Publikum gefällt das augenscheinlich und es bejubelt ihn am Ende.

Starke Schlussszene: Tod Peter Lohmeyer umschließt den Jedermann Tobias Moretti mit seinem riesigen Cape. Dazu spielt ein Geigenensemble Bachs wunderschönen Choral „Brich an, Du schönes Morgenlicht, und lass den Himmel tagen.“ Der Tod hat seinen Schrecken verloren.

Der Jedermann bleibt, auch wenn hier vieles schon stimmig in unsere Zeit übertragen ist, auch in den nächsten Jahren ein „Werk in Arbeit“. Das macht ihn so unvergänglich und immer wieder sehenswert. 

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