Abschluss der Reihe „Gelehrte am Theater“
Von Weimar zum Mordfall Lübcke

Münster -

Die demokratische Willensbildung ist schwieriger geworden, alte Gewissheiten bröseln und eine „fast reflexartige Erinnerung“ macht die Runde: Drohen der Bundesrepublik „Weimarer Verhältnisse“? In seinem Vortrag über „Ende und Erbe der ersten deutschen Demokratie“ im Theatertreff hütete sich Prof. Dr. Andreas Wirsching vor „flachen historischen Parallelen“. Gleichwohl barg er vor ausverkauftem Haus reichlich „Anschauungsmaterial“ für die zeitgenössische Diskussion: „Ohne die kulturelle Grundierung werden wir auch die Politik nicht verstehen.“

Dienstag, 30.07.2019, 18:38 Uhr
Prof. Dr. Andreas Wirsching sprach zum Abschluss der Reihe „Gelehrte am Theater“ zum Thema Weimar über „Ende und Erbe der ersten deutschen Demokratie“.
Prof. Dr. Andreas Wirsching sprach zum Abschluss der Reihe „Gelehrte am Theater“ zum Thema Weimar über „Ende und Erbe der ersten deutschen Demokratie“. Foto: Wolfgang A. Müller

Am Beispiel der Reaktionen auf die „Tanzwut“ und ähnliche Freizeitvergnügungen der „Goldenen Zwanziger“ legte der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und Lehrstuhlinhaber für Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München einen „kulturellen Deutungskrieg“ frei. Zahlreiche (auch völkische) Vereinigungen gegen den „Sittenverfall“ propagierten zunehmend „deutsche Schlichtheit“ gegen eine „französische Kokottenkultur“. Jazz wurde gar eindeutig rassistisch angegriffen. Die Zensur war abgeschafft; doch 1926 entstand das in Folge immer häufiger angewandte Gesetz gegen „Schmutz und Schund“, das allerdings keinerlei Kriterien definierte. Ein „kulturpolitischer Sündenfall der Republik“, so Wirsching , und ein Symbol für die Spaltung der Gesellschaft.

Schon die Weimarer Reichsverfassung, die in „völlig innovativer Form“ gleich drei Demokratiemodelle – die direkte, präsidiale und repräsentative – zugleich unter einen Hut bringen wollte, spiegelte diese Zerrissenheit. Zudem war Gewalt als „alternativer Weg der politischen Willensbildung“ früh präsent, die Kommunikation verrohte offenkundig. Politische Morde (etwa an Matthias Erzberger und Walther Rathenau) zeigten, wie „Sprache den Weg zur Gewalt bahnt“. Dabei konstruierten die Täter zumeist ein „Recht auf Notwehr“ und ihre eigene Gruppe als Opfer. Ein, wie der Historiker unter Hinweis auf den Mordfall Lübcke durchblicken ließ, „leider wieder hochaktuelles Thema“.

Großer Beifall galt schließlich nicht nur dem hervorragenden Referenten, sondern auch Wolfgang Türk, der seit 15 Jahren die Vortragsreihe „Gelehrte im Theater“ konzipiert. Eine Gruppe treuer Besucher dankte ihm – mit Blumen und einer Laudatio für seine nicht zu missende Herkulesarbeit.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6817079?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Smileys und ein Herzchen für Billerbecks Bürgermeisterin
Eine Stunde lang nahm sich Marion Dirks Zeit, alle WhatsApp-Anfragen zu beantworten.
Nachrichten-Ticker