„Warum hast du mich vergessen?“ in der Amateurbühne
Chronik einer Ohnmacht

Münster -

Es könnte eine alltägliche Laune der Gedankenverlorenheit, ein kleiner Streich des Gedächtnisses sein: Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt findet Madeleine Hartmann (Petra Neuhaus) das eigene Auto nicht mehr wieder. Und dann überfällt sie Panik: Sie kann sich nicht mehr erinnern, was für einen Wagen sie überhaupt fährt.

Sonntag, 01.09.2019, 17:26 Uhr aktualisiert: 04.09.2019, 11:14 Uhr
Thomas (Sören Möllers) umsorgt seine an Alzheimer erkrankte Mutter Madeleine (Petra Neuhaus). Im Hintergrund wirkt erbarmungslos „die Zeit“ (Christine John).
Thomas (Sören Möllers) umsorgt seine an Alzheimer erkrankte Mutter Madeleine (Petra Neuhaus). Im Hintergrund wirkt erbarmungslos „die Zeit“ (Christine John). Foto: Wolfgang A. Müller

Es ist „Tag A“, als die 60-jährige Witwe in Begleitung ihres jüngsten Sohnes Thomas (Sören Möllers) von einem Arzt die Erklärung für ihre gedanklichen Aussetzer und eine bestürzende Dia­gnose erhält: Alzheimer. Im Familiendrama „Warum hast du mich vergessen?“, das Regisseurin Jenny Koban nach dem Buch (Originaltitel: „Le premier oublié“) des französischen Autors Cyril Massarotto entwickelt hat, greift die Amateurbühne Münster Ost mutig ein schweres Thema auf und balanciert es respektvoll und ergreifend aus. Das Stück zeichnet in Folgen kurzer Szenen eine Chronik der Ohnmacht, mit der sowohl die Erkrankte als auch die Angehörigen konfrontiert sind.

Thomas, ein Schriftsteller, hat als einziges der drei Kinder Zeit und Möglichkeit, seine Mutter im Alltag zu unterstützen, der sich zunehmend tückisch, emotional belastend und kränkend gestaltet. Von einem Tag auf den anderen erkennt Madeleine ihren Sohn nicht mehr. Er fügt sich in die Rolle des Krankenpflegers. Aber auch die anderen Familienmitglieder ereilt Ähnliches: Tochter Juliane (Sabrina Weber) erscheint Madeleine urplötzlich als die verhasste Nebenbuhlerin aus längst vergangener Zeit und wird von ihr angegriffen.

Multiperspektivisch, mit Einspielungen innerer Monologe der Erkrankten erfährt das Publikum nicht nur die Instabilität des Charakters, die auf der Bühne abgebildet wird, sondern auch eine plausible Erklärung für jene Verhaltensweisen, die die Angehörigen rätseln und verzweifeln lassen. Die allegorische Figur der Zeit (Christine John) wirkt still im Hintergrund, hängt Porträtfotos der Kinder von der Wand ab und eignet sich Madeleines Schmuck und Tanzschuhe an. Dinge, die sie in der Welt, die ihre veränderte Vorstellungskraft formt, nicht mehr benötigt.

Das Stück, fachlich unterstützt von Ensemble-Mitglied Markus Sasse, selbst Pflegedienstleiter eines Altenheims, vermeidet Pauschalisierungen. Es spart auch „die schlimmste Zeit“ vor dem Tod nicht aus und zeigt dennoch tröstend, wie die neuen Persönlichkeiten, die Demenz entstehen lässt, und die davon erschütterten familiären Identitäten zueinanderfinden können.

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