Freuynde + Gaesdte zeigen „Teile vom Ganzen“ in der Erlöserkirche
Das Ende einer menschlichen Daseinsform

Münster -

1866 kam sie zur Welt, 1940 ist sie gestorben. Aber ihr eigentliches Leben endete schon zehn Jahr früher, als sie zusammen mit den restlichen Bewohnern von St. Kilda evakuiert wurde. Das war kein Zwang, sie hatten sogar selbst ein Gesuch an die schottischen Behörden gestellt. Es ging einfach nicht mehr. Sie konnten sich nicht mehr selbst versorgen, so wie die 2000 Jahre vorher. „Wir waren die glücklichsten Menschen der Welt“, sagt Annie Gilles über ihr Leben auf der äußeren Hebriden-Insel. „Aber uns war nicht klar, wie glücklich wir waren.“

Donnerstag, 05.09.2019, 18:50 Uhr aktualisiert: 06.09.2019, 17:48 Uhr
Die Bewohner von St. Kilda lebten jahrtausendelang auf ihrer unwirtlichen Insel in solidarischer Gemeinschaft. Mit dem Ersten Weltkrieg kam das Ende. Freuynde + Gaesdte erzählen davon.
Die Bewohner von St. Kilda lebten jahrtausendelang auf ihrer unwirtlichen Insel in solidarischer Gemeinschaft. Mit dem Ersten Weltkrieg kam das Ende. Freuynde + Gaesdte erzählen davon. Foto: f+g

„Teile vom Ganzen“, das am Mittwochabend in der Erlöserkirche an der Friedrichstraße aufgeführt wurde, ist keine völlig neues Stück der Theatergruppe Freuynde + Gaesdte. Die Urfassung hatte bereits 2012 Premiere. Jetzt hat Regisseur Zeha Schröder den Text noch einmal überarbeitet, das Filmmaterial ergänzt und auf 3D getrimmt. Herausgekommen ist eine ebenso spannende wie einfühlsame Dokumentation über Menschen, die sich inmitten einer kapitalistisch geprägten Welt ihr eigenes, an der Gemeinschaft orientiertes Leben erhalten haben.

„Wir hatten keine Waffen, kein Geld, keine Regierung und keine Steuern“, sagt Gabriele Brüning. Sie und Johan Schüling lesen aus den Aufzeichnungen der Menschen von St. Kilda, während das Publikum filmische Eindrücke von der rauen Schönheit der Insel bekommt. Man sieht die zerklüftete Küste, an der sich die Wellen brechen, die kleinen, aus grob behauenem Stein gebauten Häuser, die wettergegerbten Menschen auf historischen Aufnahmen und die in die Szenerie hineingeschnittenen Darsteller. In 3D-Technik ergibt das eindrucksvolle Effekte, die den Zuschauer direkt in die Welt von St. Kilda hineinversetzen.

„Alles gehörte der Gemeinschaft“, erinnert sich Annie Gilles . Jeden Morgen gab es eine Art Parlament, das dafür sorgte, dass jede Familie ihren gerechten Anteil bekam. Bis mit dem Ersten Weltkrieg das Leben von außerhalb einzudringen begann. Und mit ihm Krankheiten, gegen die die Inselbewohner keine Abwehrkräfte hatten, und Verführungen, denen vor allem die jungen Kildaner nicht widerstanden. Sie wanderten ab und ließen die Alten zurück, die das Leben alleine nicht mehr aufrecht erhalten konnten. Und die nach der Evakuierung nicht nur ihre Heimat verloren, sondern auch ihre „Daseinsform“, wie Annie Gilles in ihren Aufzeichnungen schreibt.

Eine sehenswerte, zum Nachdenken anregende Inszenierung, die in der Erlöserkirche einen passenden Aufführungsort gefunden hat.

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