„BRD-Trilogie“ im Theater Münster
Der Preis des Wirtschaftswunders

Münster -

„Ich bin immer schon fasziniert gewesen von diesem Monster“, sagt Frank Behnke über Rainer Werner Fassbinder, „von jemandem, der sich so radikal dem Theater und dem Kino hingegeben hat.“ Diese Hingabe sei Fassbinders Weg gewesen, große Dinge zu erschaffen. Und eines dieser großen Werke, eigentlich eine Folge von drei abendfüllenden Spielfilmen, bringt Münsters Schauspieldirektor am Samstag auf die Bühne: die „BRD-Trilogie“.

Mittwoch, 25.09.2019, 18:28 Uhr
Veronika Voss (Carola von Seckendorff) sehnt sich in den Ruhm vergangener Zeiten zurück und genießt die Schwärmerei eines jungen Sportreporters (Joachim Foerster, l.).
Veronika Voss (Carola von Seckendorff) sehnt sich in den Ruhm vergangener Zeiten zurück und genießt die Schwärmerei eines jungen Sportreporters (Joachim Foerster, l.). Foto: Marion Bührle

Der Plan des außergewöhnlichen Filmemachers war es, so erzählt Frank Behnke , die Geschichte der Bundesrepublik vom Beginn der „Ehe der Maria Braun“ an bis in die Gegenwart hinein mit Geschichten zu reflektieren: Die Filmheldin Maria Braun heiratet noch im Zweiten Weltkrieg , muss dann aber jahrelang ohne ihren Mann auskommen und macht Karriere in der Wirtschaftswunderzeit – bis zu ihrem plötzlichen Tod. Zwei weitere BRD-Filme schuf Fassbinder nach diesem 1979 erschienenen Werk noch, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und „Lola“. Sein früher Tod im Jahr 1982 verhinderte, dass die Reihe fortgeführt werden konnte.

„Die Zeitgeschichte bildet das Hintergrundrauschen zu den drei Frauengeschichten“, so Behnke – im Vordergrund stehen die drei ikonografischen Figuren. So sieht der Regisseur Maria Braun als eine „Mutter Courage der Nachkriegszeit“, die ganz auf Wachstum setzt, aber ihre Seele opfert. Der Preis, den die gesamte Bundesrepublik Deutschland für eine solche Entwicklung zu zahlen hatte, wurde vielleicht erst 20 Jahre später fällig, meint Behnke und verweist auf die Entstehungszeit der Filmtrilogie, in der die RAF ihre Terrortaten begangen hat und der Staat massiv darauf reagierte.

Im zweiten Teil „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ steht die Titelheldin für das Verdrängen, für die Probleme mit dem Erbe der Vergangenheit: Es geht um eine frühere Film-Diva, die nach dem Krieg nicht an ihre Erfolge anknüpfen kann und tragisch endet. Rainer Werner Fassbinder hat sich für diese Geschichte einer besonderen Schwarz-weiß-Bildsprache bedient. „Er fand diese Ufa-Ästhetik großartig“, erklärt Behnke und weist damit zugleich auf den provokanten Fassbinder hin, der zum Thema Neubeginn ja auch formuliert habe, dass es „keine Stunde Null der Liebe“ gebe.

Den Bildwelten des Kinos stellen Frank Behnke und sein Team eine Theaterversion mit variablem Bühnenbild, Live-Musik und eigenen Filmeinspielungen gegenüber. Für die ersten beiden Geschichten haben sie auf die Drehbuch-Transkriptionen zurückgegriffen; für das satirische Schlussstück „Lola“ existiert zwar eine Theaterversion, doch Behnke orientiert sich am Film-Original, erlaubt sich aber im Sinne Fassbinders „kleine Exkurse in die Gegenwart“. Da sich das Theater naturgemäß stärker als das Kino auf die Dialoge konzentriert, soll der „Marathon“ einschließlich zweier kurzer Pausen nicht länger als vier Stunden dauern. Beginn ist um 19 Uhr.

In den Filmen spielen Hanna Schygulla, Rosel Zech und Barbara Sukowa die Hauptrollen – in Münster führen Rose Lohmann, Carola von Seckendorff und Sandra Schreiber das große Ensemble an und sind auch in anderen Rollen als den Titlerollen zu erleben. 70 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik und 30 Jahre nach dem Mauerfall bietet zum ersten Mal ein Theater die Gelegenheit, mit Fassbinders vollständiger BRD-Trilogie zu überprüfen, wie die Gespenster der Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirken.

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Premiere am Samstag, 28. September, um 19 Uhr im Großen Haus. Karten: ' 0251/59 09-100

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