Freies Musical Ensemble feiert sein 20-jähriges Bestehen mit „Titanic“
Überrascht und berührt zugleich

Münster -

Das Freie Musical Ensemble Münster (FME) ist ein Phänomen – seit zwei Jahrzehnten arbeiten Ehrenamtliche an aufwendigen Projekten. Diese Zeitung stellte aus Anlass des Jubiläums Canan Toksoy sehen (künstlerische Gesamtleitung und Regie) und Ingo Budweg (künstlerischer Gesamtleiter und Dirigent) ein paar Fragen:

Dienstag, 29.10.2019, 13:31 Uhr aktualisiert: 29.10.2019, 19:48 Uhr
Canan Toksoy am Ruder: Die Regisseurin hat die künstlerische Gesamtleitung für das Jubiläumsprojekt „Titanic“.
Canan Toksoy am Ruder: Die Regisseurin hat die künstlerische Gesamtleitung für das Jubiläumsprojekt „Titanic“. Foto: Thomas Schmillenkamp

Das Freie Musical Ensemble Münster (FME) ist ein Phänomen – seit zwei Jahrzehnten arbeiten Ehrenamtliche an aufwendigen Projekten. Diese Zeitung stellte aus Anlass des Jubiläums Canan Toksoy (künstlerische Gesamtleitung und Regie) und Ingo Budweg (künstlerischer Gesamtleiter und Dirigent) ein paar Fragen:

Wie ist 1999 die Idee zum FME entstanden?

Ingo Budweg: Ich habe damals als Musikstudent in vielen Orchestern gespielt, unter anderem im Orchester des Musicals „Anatevka“ in Witten. Das war im Frühjahr 1999. Ich war bis zu dem Zeitpunkt vorrangig mit klassischer Musik in Berührung gekommen. Durch die Teilnahme im Musical-Orchester habe ich erstmals festgestellt, wie großartig es sein kann, eine Geschichte auf der Bühne zu erzählen, und zwar nicht nur mit Musik, sondern mit Gesang und Tanz und Schauspiel. Das war für mich eine ganz neue und besondere Erfahrung und hat mich so fasziniert, dass ich so etwas auch in meine Wahlheimatstadt Münster bringen wollte. Gemeinsam mit meinen damaligen Studienkollegen Kirsten Neumann und mit Carsten Jaehner haben wir dann quasi aus dem Nichts unsere erste Produktion auf die Beine gestellt – „Anatevka“. Carsten Jaehner und ich sind die einzigen, die seit damals noch immer dabei sind.

Hätten Sie gedacht, dass das Projekte FME 20 Jahre Bestand haben würde?

Ingo Budweg: Absolut nicht! Eigentlich sollte „Anatevka“ auch nur ein einmaliges Projekt werden. Und das hat dann irgendwie so viele Leute begeistert, dass wir einfach weitergemacht haben. Dass wir daraus aber tatsächlich ein dauerhaftes Ensemble gründen und in 20 Jahren immer noch Geschichten auf der Bühne inszenieren, hat wohl keiner je zu hoffen gewagt. Ich bin immer noch jedes Jahr überrascht und zugleich berührt, wie viele Menschen an den Projekten teilnehmen und sich in ihrer Freizeit mit wahnsinnig viel Leidenschaft und Herzblut für das Ensemble und das jeweilige Stück einsetzen. In diesem Jahr wirken an die 150 Menschen vor, auf und hinter der Bühne mit.

Warum haben Sie sich für das Jubiläumsjahr das Stück „Titanic“ ausgesucht?

Canan Toksoy: „Titanic“ ist ein großartiges Stück für ein Ensemble wie das FME. Es gibt keine große Solistenrolle, sondern viele kleine Rollen, die viele kleine Geschichten erzählen. Das Musical lebt von dem großen Chor, der bei uns seit jeher immer im Fokus steht.

Ingo Budweg: Mit insgesamt 32 Stücken ist „Titanic“ wirklich eine Hommage an den Chor. Und das, was das FME ausmacht, sind die Menschen, nicht der einzelne Solist. Unsere Projekte sind immer eine Gruppenleistung. Deswegen ist „Titanic“ perfekt für das Jubiläumsjahr.

Ein paar Zahlen. Wie viele wirken mit (Musiker, Schauspieler, Stuff etc)? Wie viele Probenstunden absolvieren Sie (geschätzt) und wo?

Ingo Budweg: In diesem Jahr wirken rund 150 Personen vor, auf und hinter der Bühne mit. Allein 74 Sängerinnen und Sänger stehen auf der Bühne, rund 60 Musiker bilden unser klangvolles sinfonisches Orchester. Dann haben wir noch Mitwirkende bei Ton und Technik, und viele Helfer hinter der Bühne, die beispielsweise beim Schminken oder beim Umziehen helfen.

Canan Toksoy: Wir starten immer im Januar mit einer wöchentlichen Chorprobe von 2,5 Stunden. Ab Osten kommt dann eine zweite wöchentliche Probe dazu, in der abwechselnd Schauspie und Tanz geprobt wird; dann ist man also schon bei 5 wöchentlichen Probestunden. Bei ca. 40 Wochen, die geprobt werden (über die Weihnachtszeit wird nicht geprobt), plus zahlreiche zusätzliche Proben an den Wochenenden kommt man auf…eine ganze Menge Probenzeit. (lacht)

Wie viele Produktionen gab es und welche zwei, drei besonderen sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Canan Toksoy: Als eine besondere Produktion gilt sicherlich „Imagine this“ aus dem Jahr 2016 – ein Stück über das Warschauer Ghetto. Das war ein Stück, bei dem Grenzen überschritten wurden. Das Musical war einfach unfassbar tief berührend, sicherlich nicht nur für das Ensemble, sondern auch für unser Publikum – selbst für den Komponisten Shuki Levy selbst, der uns bei einer Aufführung persönlich besuchte. Und auch unsere Wiederaufnahmen von „Scrooge“, Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte, die wirklich jedem ans Herz geht und einfach nur Spaß macht.

Ingo Budweg: Jedes Stück ist eigentlich auf seine Weise besonders. Eines herauszuheben wird unserer Arbeit kaum gerecht. Allerdings muss ich sagen, dass es für mich immer einen ganz besonderen Zauber hat, wenn wir eine deutsche Erstaufführung spielen – wenn man sich sozusagen bewusst macht, dass die Texte unserer Aufführung das erste Mal in deutscher Sprache erklingen und wir damit nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern ein Stückchen Geschichte selbst schreiben. Von insgesamt 13 Produktionen durften wir schon viermal deutsche Erstaufführungen spielen – zuletzt „Imagine This“ (2016) und „Parade“ (2017) – beides ganz außergewöhnliche Stücke, die wir dem deutschsprachigen Publikum einfach nicht vorenthalten wollten.

Bei so vielen Produktionen ist doch bestimmt einiges passiert? An welche Anekdoten erinnern sie sich?

Canan Toksoy: Es gibt bei aller Disziplin und allem Probenehrgeiz auch immer viel zu lachen. Von gerissenen Kostümen auf der Bühne bis zu lustigen Texthänger, die in sehr kreativen Improvisationen enden, ist eigentlich alles dabei. Lustig wird es auch immer, wenn die Darsteller die Mikrofone nicht ausschalten, wenn sie von der Bühne gehen und man dann die Backstage-Gespräche belauschen kann. Es sind sogar auch schon Leute während einer Aufführung ohnmächtig geworden – natürlich immer mit gutem Ausgang!

Was hat sich in 20 Jahren FME geändert, was ist gleichgeblieben?

Canan Toksoy: Ich selbst bin ja erst 2006 eingestiegen, aber ich glaube, ich kann schon sagen, dass vor allem die Philosophie des FME seit jeher gleichgeblieben ist. Das Wichtigste ist immer die Gemeinschaft und der Zusammenhalt. Jeder kann sich hier wohlfühlen und seinen Platz finden. Jeder kann einfach sein, wie er ist und sich mit seinen Stärken einbringen. Und für mich ist es jedes Jahr wieder etwas Besonderes zu sehen, wie aus einem Haufen unterschiedlichster Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen über das Jahr der Probenarbeit eine Gruppe zusammenwächst, die in tiefer Freundschaft und Verbundenheit ein Musical auf die Bühne bringt.

Ingo Budweg: Da kann ich Canan nur zustimmen. Für mich ist es auch immer einer der emotionalsten Momente, wenn die Durchlaufproben beginnen und wirklich alle Beteiligten im Saal sing und das Stück gemeinsam stemmen. Was die Dimensionen der Produktionen betrifft, so hat sich allerdings Einiges geändert. Konnten wir bei „Anatevka“ (1999) und „Candide“ (2001) unseren gesamten Stamm an Bühnenbild, Requisiten und Kostümen „einpacken“ und mit den Produktionen herumreisen, so haben wir mittlerweile mehrstöckige, teilweise drehbare Bühnenelemente, aufwendigste Sound- und Lichteffekte und 4-5 Kostüme pro Darsteller. Manchmal frage ich mich, wo das noch alles enden soll. Und – das finde ich besonders bemerkenswert – niemand bekommt für seinen Einsatz eine Gage. Alle Mitwirkenden arbeiten ausnahmslos ehrenamtlich und nur aufgrund der gemeinsamen Liebe zur Musik und zum Theater.

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