Freies Musical-Ensemble stach mit grandioser „Titanic“-Aufführung in See
Als ginge die ganze Welt auf Reisen

Münster. -

Kein Jahrhundert hatte die Zukunft rigoroser im Visier als das 20. Jahrhundert – und steuerte mit brachialem Optimismus ahnungsloser in diverse Totalkatastrophen. Traurige Berühmtheit erlangte die „Titanic“, bei Stapellauf das „größte Schiff der Welt“, deren Kollision auf der Jungfernfahrt mit einem Eisberg 1514 Passagiere das Leben kostete.

Donnerstag, 31.10.2019, 10:46 Uhr aktualisiert: 03.11.2019, 17:16 Uhr
Der Luxus-Liner läuft unter Jubel im Konzertsaal der Waldorfschule vom Stapel..
Der Luxus-Liner läuft unter Jubel im Konzertsaal der Waldorfschule vom Stapel.. Foto: Christian Dabringhaus

Für Literatur, Film und (Musik-)Theater wurde der Untergang des Luxusliners zur idealen Projektionsfläche für Albträume zivilisatorischer Höhenflüge, als sei schiere Größe unvergänglich. Zu seinem 20. Jubiläum stach das Freie Musical-Ensemble Münster e.V. mit Maury Yestons Musical „ Titanic “ erneut in See, inklusive großformatigem Bord-Orchester (Dirigat: Ingo Budweg ) und turbo-mobilem Riesenensemble.

Es war, als ginge die ganze Welt auf Reisen. Dicht drängelten sich Sänger und Spieler auf drei Bühnenetagen. Streichern, Blech-, Holzbläsern und Schlagzeug zusätzlich vor der Bühne im Waldorf-Konzertsaal repräsentierte sich im (fast) Unübersehbaren ein Querschnitt aller Gesellschaftsklassen. Alle betraten den Wunderdampfer ungläubig wie ein Showboat, auf der Kommandobrücke agierten Kapitän und Offiziere, zelebrierte die High Society ihren Auftritt à la carte. Gepflegt situiertes Bürgertum bekleidete die Zweite Klasse, während einfaches Volk in der Dritten sich rustikal auslebte. Eine Armada von Krankenschwestern und Dienstpersonal wuselte durch alle Etagen, auf dem Promenadendeck fieberten sehnsüchtige Blicke verheißungsvoller Ferne entgegen. Der von Tempo-Rekorden besessene Besitzer der Titanic, Joseph Bruce Ismay, tauchte hier ebenso auf wie andere authentische Passagiere.

Strahlend die chorische Euphorie des Aufbruchs, die Parade der Typen vom nachgiebigen Kapitän über die fidele Madeline Astor bis zur agilen Anna Sofia Turja, die sich die Seele aus dem Leib tanzte. Im Rauchersalon qualmte es wie in der Hölle, ein Tenor sang Liebeslieder. Überhaupt die Liebe: Mitunter klang es wie die Romantisierung des Untergangs. Dann dröhnte die Kollision gegen den geschlossenen Vorhang wie ein Ungeheuer, endzeitliche Schräglagen beherrschten später die Lage, ein Moll-Nebel tönte, als müssten alle Menschen der Welt ihr Heiligstes aufgeben, Tapferkeit und Feigheit klammerten sich an ausweglose Seelennöte. Nicht nur ein Schiff ging unter, sondern auch Amerika als gelobtes Land völligen Gelingens: Im Unglück erschien die Menschheit einsam.

Die Begeisterung des Ensembles (Regie: Ingo Budweg, Canan Toksoy) für diese Musical-Oper, die choreographische Artistik (Katharina Laukemper, Kira Bobrowski), die szenische Flexibilität (Bühnenbild: Sonja Roeske, Christian Dabringhaus) und die groß-sinfonische Attacke (Dirigat: Ingo Budweg) provozierten eine überwältigende Wirkung: Rasender Beifall – fast drohte der Zuschauerraum zu kentern.

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