Bühnenboden: „Es brennt so schön in mir!“
Wenn ein Berserker plötzlich explodiert

Münster. -

Wer kennt die Sekunde, in der jemand explodiert? Die Uraufführung des Punkrock-Theatertrips „Es brennt so schön in mir“ mit Stefan Nászay (Idee und Konzept) und dem Rabiatsound von „Chaos & Sandale“ bot im Kleinen Bühnenboden einige Perspektiven radikaler Perspektivlosigkeit von und für jedermann (Regie: Toto Hölters).

Montag, 04.11.2019, 08:18 Uhr aktualisiert: 04.11.2019, 11:38 Uhr
Stefan Nászay poltert, schreit und tobt als Anonymus
Stefan Nászay poltert, schreit und tobt als Anonymus Foto: Moseler

Die Stühle im Bühnenraum waren anstelle konventionellen Frontaltheaters längs angeordnet, die Flurstrecke wurde Bühne. In deren Mitte ein Kunstrasen-Viereck, links das kahle Gestänge eines Gewächshauses („Zutritt verboten!“), wo ein Mann mit bösem Blick Ordnungsrufe per Trillerpfeife verteilte, kaum dass ein Zuschauerfuß zufällig das geheiligte Grün streifte. An der Wand gegenüber raste die Zeit schon in Hundertstelsekunden, flott getaktete Fotografien (Schuhspuren im Schnee, Gesichter, abstrakte Muster, eine gespreizte Riesenhand, etc.) ihnen dicht auf den Fersen.

„Die Erde bebt“, rief der Anonymus (alias Stefan Nászay), „zur Wut gehört Mut!“, und warf den perplexen Zuschauern gleich ein Angebot hinterher: „Hier ist Ihr Wutraum!“. Da blieb jeder auf seinem Plätzchen sprachlos. „Meine Ketten sind aus Glas“, feuerte der Wutentbrannte weiter, trollte sich ins Häuschen und spielte mit winzigen Gartenzwergen wie mit Schachfiguren. „Was denkst du? Denken, denken, denken“, rumorte es sofort wieder in ihm – da gewitterte es gewaltig von der Gegenseite her, wo Chaos & Sandale-Duo zur krachenden Punk-Breitseite ansetzte. „Immer muss man alles teilen“, jammerte der Anonyme, als sei die Erde ein Jammertal, von Jammerlappen bevölkert, aber mit räuberischen In-stinkten.

Noch glaubte man sich mit Chaotik-Avantgarde konfrontiert, da lichteten einzelne Zeilen – Nietzsche, Max Frisch, Pablo Neruda, Kon-stantin Wecker, wie angekündigt – weitere Motive misanthropischer Leidenschaft: „Kann der Staat eine Sicherheit erkennen, garantieren?“ oder „Der intakte Staat ist in Auflösung!“, schallte es nun, Lebensüberdruss schien die Zeile „Das Auf- und Untergehen der Sonne ödet mich an“ zu diktieren. Nie gingen dem Berserker die Dinge schnell genug und sowieso immer in die falsche Richtung. Nászay spielte das mit Radikaleinsatz, schrie, tobte, verstummte, wetterte zwischen funkelnder Discokugel und Topfpflanze, stapfte grimmig durchs Plattitüden-Biotop („Wir brauchen wieder eine Vision“) und resümierte: „Ich lasse nicht los, es brennt so schön in mir“. Im Genuss am Ungehorsam gegen sich selbst verrät da der Jedermann Gott und die Welt – aber zuerst sich selbst. Begeisterung – zu Recht.

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