Dekadenkonzert in der Musikhochschule
Dolores’ Beine und Bartóks Schlagzeug

Münster -

In der Musikhochschule gab es zur Festwoche „Münster Musik“ ein Programm mit 100 Stücken aus 100 Jahren.

Sonntag, 17.11.2019, 15:16 Uhr aktualisiert: 17.11.2019, 15:34 Uhr
Götz Alsmann sang Operettenschlager und moderierte.
Götz Alsmann sang Operettenschlager und moderierte. Foto: Peter Leßmann

Die „Moderne“ – oft Schreckgespenst und fataler Konkurrent des „gesunden Menschenverstandes“. Den aber hat Kabarettist Wolfgang Neuss hellsichtig schon früh als „reines Gift“ abgefeiert – Moderne bedeutet im 20. Jahrhundert eben koexistierende Vielfalt jenseits tabuisierender Dogmen. Das Eröffnungskonzert des „Mensch-Musik-Festivals 2019“ im Konzertsaal der Musikhochschule anlässlich des Jubiläumsjahres von Sinfonieorchester, Westfälischer Schule sowie Hochschule für Musik bot als Teil des Programms „100 Werke aus 100 Jahren“ eine Stilistik-Revue der Jahre 1929-1938 jenseits ästhetischer Deutungshoheiten.

Mit Moderator Götz Alsmann trat ein traumhafter Tänzer zwischen den (Musik-)Welten auf, ein Mann geschliffener Formulierung ohne Denkpausen und Textbaustein-Allüren. Entspannt (be)sang er im koketten Pianissimo den schönen „Sigismund“ aus Ralf Benatzkys Operette „Im weißen Rößl“, parlierte über elektronische Medien („Musik in jedes Haus für alle“) und schwärmte im schnurrenden Kater-Portamento über „Die Beine von Dolores“. „Meine Liebe, deine Liebe“, säuselten auch Katharina Gläsmann und Cristian Ramirez derart entrückt durch Léhars „Land des Lächelns“, als wisse jeder Liebesschwur-Leichtsinn um die Sprachlosigkeit innigster Liebe. „Das ist die Liebe der Matrosen“, schmetterte später der Hochschulchor, von drei Akkordeonistinnen (!) durch den hohen Seegang eines Refrains gelotst. Eine Band ließ Louis Primas „Sing, Sing, Sing“ swingen, klingen, grooven und grollen, als könnte sich jede Sekunde die Fata Morgana einer Tanzchoreographie materialisieren.

Heitor Villa Lobos‘ „Bachianas Brasilieras Nr. 1“ kombiniert lateinamerikanische Atmosphäre mit bachscher Strenge, vom Hochschul-Celloensemble mit Solokantilene, Ostinato-Rhythmus und getrommelter Donnerschleife auf Höchstintensität getrimmt. Spiegelgefechte kontrapunktischer Rhythmen lieferten sich Yonggang Li (Violine) und Eun Jung Son-Holtmeyer (Klavier) in Bohuslav Martinus Rhythmischer Etüde Nr. 3, während der zwiespältige Pomp in „Montagues und Capulets“ aus Prokofiews Ballett „Romeo und Julia“, die lauernde katastrophische Vision in Miharu Tadas Zugriff gemäßigt wirkte. Im „Playful Pizzicato“ aus Brittens „Simple Symphony“ zelebrierte das Nimbus-Quartett britischen Humor auf Zehenspitzen, Oliver Messiaens „Pièce pour le tombeau de Paull Dukas“ klang durchsichtig und zugleich felsenfest wie eine Musik aus Glas und Stein. Bela Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug mit Yeonseo Jeong, Deborah Rawlings (Klaviere), Felix Feßke und Tilman Muth (Schlagzeug), verausgabt sich radikal und blieb auch in Blitz und Donner der Dissonanzen und der rauen Folkloristik zartester Schattierungen fähig. Ein großer Abend der Musik – aus allen Richtungen!

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