Oliver Sill stellte sein Fontane-Buch vor
Sehnsucht nach Weiten

Münster -

Das Münsterland ist nicht die liebste Kulisse Theodor Fontanes. Und doch gibt es Verbindungen zwischen dem hier und dem dort.

Freitag, 06.12.2019, 18:04 Uhr
Oliver Sill (Mitte) stellte beim Literaturverein in der Stadtbücherei sein Fontane-Buch vor.
Oliver Sill (Mitte) stellte beim Literaturverein in der Stadtbücherei sein Fontane-Buch vor. Foto: Sandro Paul Heidelbach

Nein, nicht das Münsterland ist die liebste Kulisse des großen Romanciers Theodor Fontane , die Mark Brandenburg ist es, das Havelland, der malerische Stechlinsee und die Sommerresidenzen des preußischen Adels, deren versunkene Welt in seinen längst klassischen Erzählwerken wiederaufersteht. Und doch gibt es, wie der Vorsitzende des Literaturvereins Hermann Wallmann anlässlich des 200. Geburtstages des Dichters erläuterte, Verbindungen zwischen dem hier und dem dort: Sei es die Beschäftigung des Dichters mit William Turner, dessen Landschaftsmalerei derzeit im Landesmuseum zu bewundern ist, sei es die münsterische Philosophen-Legende Hans Blumenberg, dessen Glossen sich besonders dem genialen Plauderer und Balladendichter Fontane widmeten.

Die jüngste Verbindung aber stellte der Gast des literarischen Abends in der Stadtbücherei dar: Oliver Sill (Privatdozent für Literaturwissenschaft), dessen Buch „Theodor Fontane – neu gelesen“ wie zahlreiche Publikationen dazu einlädt, den oft als antiquiert verrufenen Jubilar wiederzuentdecken. Das erklärte Ziel des Münsteraners ist es, ein „horizontales Beziehungsnetz“ in dem 17 Romane umfassenden Prosawerk des Schöpfers der Effi Briest freizulegen, welches dem Leser ein beeindruckendes Panoptikum der wilhelminischen Gesellschaft vorstelle.

Mit stupender Textkenntnis und literarischem Feingefühl spürt Sill einzelnen Motiven teils weniger bekannte Erzählungen wie Greta Minde, Mathilde Möhring und Graf Petöfy nach, um deren Frauenfiguren in ihrer Sehnsucht nach namenlosen Weiten mit Caldéron als „Töchter der Lüfte“ zu charakterisieren; männliche Figuren werden vornehmlich in ihrem „Stolz auf eine längst verstaubte Vergangenheit“ erfasst.

Man darf in diesen anregenden Beobachtungen, die Sill mit der Unterstützung des profilierten Schauspielers Gerhard Mohr vorträgt, und deren bewusste Aussparung akademischer Konvention einen frischen, gelungenen Versuch sehen, neues Interesse für Fontane zu entzünden. Gleichzeitig wird womöglich enttäuscht werden, wer hinter dem Titel „neu gelesen“ eine Gesamtschau mit wissenschaftlichem Anspruch vermutet. Ungeachtet dessen vermochte die ansprechende Lesung erneut zu beweisen: Wenn Literatur gelingt, erhebt sie ihren Leser.

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