„Wer hat meinen Vater umgebracht?“ nach Édouard Louis im U2
Metamorphosen durch Politik

Münster -

Ein junger Mann macht seinen verhassten Vater für die Unglücke seiner Kindheit verantwortlich. Und merkt im Monodrama „Wer hat meinen Vater umgebracht?“, dass der Beschuldigte seinerseits ein Leidender ist.

Sonntag, 22.12.2019, 17:10 Uhr
Joachim Foerster verkörpert den Sohn, der im scheinbaren Hass auf seinen Vater dessen Nöte erkennt.
Joachim Foerster verkörpert den Sohn, der im scheinbaren Hass auf seinen Vater dessen Nöte erkennt. Foto: Oliver Berg

Vater sei früher ein fantastischer Tänzer gewesen, behauptet die Mutter. Dieser verschlossene, jederzeit Härte und Gewalt transpirierende Macho? Das mag der Sohn kaum glauben. Und auch sein Vater, darauf angesprochen, leugnet es. Doch dabei errötet er.

In seinem Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“ nähert sich der junge französische Schriftsteller Édouard Louis dem Mann an, den er für seine unglückliche Kindheit und sein Martyrium als jugendlicher Homosexueller in einem prekären dörflichen Milieu verantwortlich machte. Als er den kränklichen, an den Folgen eines Arbeitsunfalls dahinsiechenden Vater besucht, bekennt er: „Ich behauptete immer, dass ich meinen Vater hasste. Aber das stimmte nicht.“

Michael Letmathe hat Louis’ Text, eine Mischung aus Autobiografie und politischem Pamphlet, für die Bühne bearbeitet. In einer packenden darstellerischen Tour de force illustriert Joachim Foerster zahlreiche bedeutsame Erinnerungsfragmente des Sohnes, zwischen Euphorie, Trauer und Wut. Dichte, lebhafte Bilder der schwierigen familiären Beziehung entstehen in der bis auf einen Stuhl, ein Klavier und zwei Projektionsflächen leeren Bühne des U2. Zum Greifen nah erscheint das verqualmte Wohnzimmer, in dem der Vater scheinbar ungerührt ein von seinem Kind initiiertes Playbackkonzert zum Song „Barbie Girl“ erduldet, später mit seinen Kumpels homophobe und rassistische Witze reißt.

Während Louis’ Text den Leidensweg des Vaters plakativ der Sozialpolitik der letzten vier französischen Präsidenten Chirac, Sarkozy, Hollande und Macron anlastet, greift die außerordentlich gelungene Inszenierung, die minutenlangen Applaus erntete, geschickt und subtil Bilder von unterschiedlichen Metamorphosen auf. Der Sohn ist aus dem vorgefertigten Leben ausgebrochen, doch der in einer brutalen sozialen und politischen Tradition gefangene Vater wird zum gesundheitlichen Wrack, abhängig von direkt in sein Leben eingreifenden Entscheidungen: „Emmanuel Macron stiehlt meinem Vater das Essen vom Teller weg.“ In der Geschichte des väterlichen Körpers spiegelt sich die politische Geschichte wider: eine Frage von Arm und Reich. „Das, was sie seinem Körper angetan haben, hindert ihn daran, den Menschen, der er hätte sein können, zu entdecken.“

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