„Der Bundesbürger“ im U2 uraufgeführt
Politik als Wähler-Manipulation

Münster -

Was ist Politik? Wie gewinnt man Wähler? Das Stück „Der Bundesbürger“, jetzt im Theater Münster uraufgeführt, nimmt Populismus und Marketingstrategien aufs Korn und orientiert sich dabei an Aufstieg und Fall eines bekannten Politikers aus Münster: Jürgen W. Möllemann (1945-2003).

Freitag, 10.01.2020, 15:24 Uhr
Thomas Mehlhorn, Rose Lohmann und Ilja Harjes berichten am Beispiel des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann über Populismus und Marketing im Politikbetrieb.
Thomas Mehlhorn, Rose Lohmann und Ilja Harjes berichten am Beispiel des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann über Populismus und Marketing im Politikbetrieb. Foto: Oliver Berg

Jürgen W. Möllemann – ja, man kennt ihn noch, wie eine Umfrage unter Münsteranern beweist. Man erinnert sich an die Briefbogenaffäre und seinen Rücktritt als Wirtschaftsminister, an sein Comeback in NRW und sein umstrittenes Faltblatt mit dem Titel „Klartext“. Die Schwarzgeldkonten kommen ebenso zur Sprache wie sein letzter, tödlicher Fallschirmsprung am 5. Juni 2003, bei dem er auf einem Feld aufschlug, während Polizei und Staatsanwaltschaft seine Geschäftsräume durchsuchten

Im U2 des Theaters Münster , wo „Der Bundesbürger“ am Donnerstag Uraufführung hatte, ist die Umfrage als Video zu sehen, projiziert auf eine wolkenförmige Leinwand, die Ilja Harjes, Rose Lohmann und Thomas Mehlhorn in die Höhe halten und dabei großspurig „The Jürgen W. Möllemann Story“ ankündigen. Großspurig deshalb, weil sie in dem Stück von Annalena und Konstantin Küspert drei übereifrige Drehbuchautoren spielen, die dem Publikum ihre Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Politikers präsentieren. Es sind Stationen aus Möllemanns Karriere, die Ruth Messing in ihrer flotten und stringenten Inszenierung auf die Bühne bringt. Sie zeigt nicht nur das, was sich damals in den Nachrichten abspielte, sondern auch, was sich hinter den Kulissen zutrug. Teils mit aufklärerischem Impetus, teils mit kabarettistischer Ironie schlüpfen die Schauspieler in die Rollen unterschiedlicher Protagonisten rund um Möllemann. Dazu gehören nicht nur Politiker, sondern auch Marketingstrategen und Strippenzieher, die ihm im Jahr 2000 bei der Landtagswahl in NRW zu einem Comeback verhalfen. Bei der Umsetzung schöpfen Regisseurin und Ensemble aus dem Vollen. Es gibt einen Kandidaten-Song und einen an das Computerspiel Super Mario angelehnten Super Möllemann, der die FDP aus dem Spendensumpf der CDU zu ziehen versucht. Wahlen werden im aufgeregten Duktus eines Sportreporters kommentiert, am Ende bekommt das Publikum sogar noch einen Crashkurs in Sachen Populismus.

Das ist gut gemacht, denn es stattet das Stück nicht nur mit erfrischender Komik aus, sondern hebt es gleichzeitig ins Exemplarische. Nicht nur die Person Möllemann steht hier auf dem Prüfstand. Es geht um Meinungsbildung und Wählerbeeinflussung überhaupt.

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