„89/90“ im kleinen Haus: Spannend, witzig, lehrreich
Im Wechselbad der Wendezeit

Münster -

30 Jahre nach der Wiedervereinigung herrscht in Deutschland eher ein grauer Nörgelton vor. Das Stück „89/90“, jetzt im Kleinen Haus des Theaters Münster mit viel Beifall aufgenommen, mag etwas Abhilfe schaffen und Erinnerung wecken. An eine Wechsel- und Wendezeit, die so aufregend war, dass man einfach über sie berichten muss! Eindrücke über einen famosen Theaterabend.

Sonntag, 12.01.2020, 13:28 Uhr
Die Dresdner Klassen-Clique trifft sich im Freibad: Szene mit (v.l.) Frank-Peter Dettmann, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Louis Nitsche, Sandra Bezler, Lea Ostrovskiy, Yana Robin la Baume und Paul Maximilian Schulze.
Die Dresdner Klassen-Clique trifft sich im Freibad: Szene mit (v.l.) Frank-Peter Dettmann, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Louis Nitsche, Sandra Bezler, Lea Ostrovskiy, Yana Robin la Baume und Paul Maximilian Schulze. Foto: Oliver Berg

Wir feiern in diesem Jahr den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Dankbarkeit, Freude, Jubel? Fehlanzeige! Auch nach drei Jahrzehnten stetigen, problembehafteten und doch erfolgreichen Zusammenwachsens herrscht in großen Bevölkerungskreisen auf beiden Seiten der früheren Mauer immer noch ein grauer Nörgelton vor. Obwohl das Land blüht. Zumindest überwiegend. Das Stück „89/90“, am Freitagabend im Kleinen Haus des Theaters Münster mit viel Beifall aufgenommen, mag etwas Abhilfe schaffen und Erinnerung wecken. An eine Wechsel- und Wendezeit, die so aufregend war, dass man einfach über sie berichten muss!

Regisseurin Julia Prechsl , die das Stück nach dem Roman von Peter Richter fürs Theater einrichtete, lässt das überwiegend junge Schauspielensemble des Theaters Münster lebhaft erzählen. Unaufhaltsam, im Chor, im Wechselspiel, und in einer diesem lebhaften Treiben famos angepassten Kulisse von Friederike Meisel.

Im Zentrum: Ein bis in die Zuschauerreihen reichendes gekacheltes Freibad, in dem sich eine Dresdner Schülerclique 1989 trifft. Ein kleiner Freiraum zwischen schulischer Indoktrination und paramilitärischer Früherziehung. Immer wieder ein Thema bei den Schülern: die Lehrerin L., die das ideologische System des real existierenden Sozialismus paradigmatisch verkörpert. Da bleibt neben dem Schwimmbad und den ersten Techtelmechteln nur noch die Christenlehre in der Kreuzkirche als Rückzugsort. Immer wieder streut das klar und energisch deklamierende Ensemble mit Yana Robin la Baume, Sandra Bezler, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Lea Ostrovskiy, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber und Paul Maximilian Schulze die zentralen Fixpunkte der Wendezeit ein. Dazu wird getanzt, geflirtet und geklettert, wenn sich im wandelbaren Bühnenbild Mauerstücke als Eskaladierwand oder als kuschelige Zweiraumwohnung und später auch als Stasi-Zentrale mit Aktenbergen entpuppen.

Die ersten Fluchtversuche über Ungarn, Genscher in der Prager Botschaft, Demos am Dresdner Bahnhof. Schließlich Honeckers Rücktritt, Kohls Besuch in Dresden, heute fast tollpatschig und komisch wirkend – und doch historisch! Eingespielt über Ton und einen alten Fernseher.

Wer gegen Mitte des Zwei­stundenzwanzig-Stücks befürchtet, hier werde einzig mit der DDR abgerechnet, darf aufatmen. Denn dann, in der zweiten Halbzeit, beginnen die emotionalen Wirren der Wendezeit. Mit einem vom Ensemble bis ins Extrem getriebenen gesamtdeutschen Wahlkampf, in dem alle Parteien ihre Parolen durcheinandergrölen und sich die Akteure gegenseitig im Menschenknäuel das Mikro entwinden. Grotesk und witzig. „Freiheit?“ Die definieren manche dann mit „Woolworth“ oder „Banane“, andere wieder mit Baseballschläger, Kampfstiefeln und Ausländerhatz. Das ist bedrückend. Wenn am Ende die ganze Klasse zu Techno und Stroboskop-Licht zuckt oder über jene Proleten berichtet, die zum Straßensex über die tschechische Grenze fahren, dann wird man schon sehr nachdenklich. Ist das Demokratie? Ist das die Kultur im freundlichen freien Westen?

„89/90“, dieses feine Stück, sollte Pflichtprogramm für Schulen werden. Gegen grassierende Geschichtsvergessenheit. Ein Pflichtprogramm ebenso wie wechselseitige Klassenfahrten in die alten und neuen Bundesländer. Damit gerade auch die jungen Leute begreifen, was Deutschland an kulturellem Reichtum in der Mitte zwischen Erfurt, Weimar, Leipzig und Dresden und an demokratischer, politischer Kraft gewonnen hat. Shoppingtouren und Skifreizeiten, gerne auch an Schulen im Münsterland angeboten, kann man sich dagegen getrost sparen!

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7186673?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Hospizbewegung beklagt unerlaubte Logo-Nutzung durch Deutsche Glasfaser
Glasfaserkabel in Leerrohren. Das Bündelungsverfahren der Deutschen Glasfaser in Nottuln ist mit einer Panne gestartet. Die Hospizbewegung beklagt die unerlaubte Nutzung ihres Logos für die Bündelungskampagne.
Nachrichten-Ticker