Borchert-Theater stellt „Den Untertan“ von Heinrich Mann auf die Bühne
Alle sind ein bisschen Heßling

Münster -

Kants Appell an den Verstand, „Habe den Mut!“, ist über 230 Jahre alt; und der alte Preuße wusste als Untertan vom großen Fritz, was Obrigkeit bedeutet und erkannte dementsprechend als Denker die Ursachen für mangelnden Vernunftgebrauch: „Faulheit und Feigheit“. Gerade beim öffentlichen Gebrauch der Vernunft bedarf es des Mutes. Und es scheint, als sei der Appell in Zeiten entfesselter sozialer Medien aktueller denn je. Dementsprechend wirkt es nicht allzu ungewöhnlich, dass das Wolfgang-Borchert-Theater einen alten Schulliteratur-Schinken, einen Klassiker, einen Grundstein deutscher Geistesgeschichte auf die Bühne bringt: „Der Untertan“ von Heinrich Mann.

Dienstag, 14.01.2020, 12:06 Uhr
Chefdramaturgin Tanja Weidner hat für das Borchert-Theater aus Heinrich Manns „Der Untertan“ eine Bühnenversion erstellt und inszeniert auch den zeitlosen Klassiker gegen den Untertanengeist.
Chefdramaturgin Tanja Weidner hat für das Borchert-Theater aus Heinrich Manns „Der Untertan“ eine Bühnenversion erstellt und inszeniert auch den zeitlosen Klassiker gegen den Untertanengeist. Foto: Frederik Iven

Tanja Weidner hat sich den 500-Seiten-Wälzer vorgenommen und daraus eine Bühnenfassung erstellt. Der Abend wird aber keine fünf Stunden dauern, sondern eher 90 Minuten. Weidner hat „eine Art Extrakt“ erstellt, der seinen Schwerpunkt auf den Antrieb des Hauptprotagonisten „Diederich Heßling legt: „seine allumfassende, ihn immer wieder einholende Angst“. Dabei werden Text und Inszenierung den satirischen Überzeichnungen Manns folgen, wodurch sich ironisch komische Momente ergeben. Doch stets wird das Publikum Heßling hören, der sein Leben wie ein „Horror-Szenarium“ erzählt.

In einer Demokratie sind zwar alle als Volk Souverän, Bürger verhalten sich aber trotzdem mal weniger, mal mehr untertänig. Weidner hat sich daher für eine unangenehme Besetzung entschieden, die die dem Zuschauer eine allzu leichte Distanzierung erschweren soll. Alle spielen den Untertanen. „Bei uns steht also das ganze WBT-Ensemble auf der Bühne und spielt die Hauptfigur, mal abwechselnd, mal im Chor.“ Ein wesentlicher Bestandteil sind dabei die Masken von Annette Wolf (Bühne und Kostüme) für die Figuren, die Diederich auf seinem Weg begegnen und ihm Angst einjagen. „Ein bisschen Diederich Heßling, das wollen wir zeigen, steckt (leider) in jedem.“

Und als dementsprechend aktuell sieht Weidner den über hundert Jahre alten Klassiker an. Denn das sei das Bedrückende: „Man kennt sie, die Heßlings, auch heute noch. Seine Sprüche sind auch die Sprüche der europäischen Faschisten von heute, etwa wenn er gegen die verweichlichende Humanität der Demokraten wettert. Und die Demokraten im Roman, wie ‚der Alte Buck‘, haben Diederich und seinen Fake-News nichts entgegenzusetzen.“ Vielleicht fragt sich am Ende: Haben wir zu viel Angst vor dem öffentlichen Gebrauch unseres eigenen Verstandes?

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Die Premiere ist am Donnerstag (16. Januar) um 20 Uhr im Borchert-Theater, Am Mittelhafen 10, ist ausverkauft. Für die Vorstellungen am Samstag (18. Januar) um 20 Uhr und Sonntag (19. Januar) um 18 Uhr gibt es Restkarten: ' 40019.

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