Künstlerabend der Poetikdozentur: Milo Rau mit Gesprächspartnern in der Studiobühne
Suche nach einer gerechteren Welt

Münster -

Nach drei Vorlesungen im Oktober und November beendete der Schweizer Dramatiker, Autor und Regisseur Milo Rau jetzt seine Poetikdozentur am Germanistischen Institut der WWU mit einem Künstlerabend in der Studiobühne. Ins Gespräch mit ihm kamen Schauspielerin Ursina Lardi und Fabian Scheidler, der Autor des Buches „Das Ende der Megamaschine“.

Sonntag, 19.01.2020, 16:28 Uhr
Fabian Scheidler, Milo Rau und Ursina Lardi (v. l.)
Fabian Scheidler, Milo Rau und Ursina Lardi (v. l.) Foto: y

Nach drei Vorlesungen im Oktober und November beendete der Schweizer Dramatiker, Autor und Regisseur Milo Rau am Freitag seine Poetikdozentur am Germanistischen Institut der WWU mit einem Künstlerabend in der Studiobühne. Unter dem Titel „Die Rückeroberung der Zukunft. Extremistische Gedanken für eine extreme Zeit“ erlebte das Publikum eine Mischung aus Vortrag, Lesung und Diskussion, die sich auch mit dem Verhältnis von Kunst und Politik befasste.

Neben Rau waren an dem Abend seine „Lieblingsschauspielerin“ Ursina Lardi beteiligt sowie Fabian Scheidler, der Autor des Buches „Das Ende der Megamaschine“, in dem er die Fortschrittsmythen der westlichen Gesellschaft auf den Prüfstand stellt. Im Zentrum standen Fragen wie diese: Warum hat der Kapitalismus den Planeten an den Rand des Abgrunds geführt? Ist er noch reformierbar oder muss ein neues System an seine Stelle treten? Und wenn ja, wie könnte dieses System aussehen und wie ließe es sich etablieren?

Jedes System sei künstlich geschaffen, erklärt Scheidler, und es gelange immer wieder an Bruchstellen. Dort entscheide sich dann, wohin es kippt. Die Richtung wiederum hänge vom Bewusstsein ab, das sich vorher in der Gesellschaft gebildet hat. Und an dieser Bewusstseinsbildung sei die Kunst maßgeblich beteiligt. Als Beispiel führt Rau die weltweite 68er Revolution an, die ohne Musik so nicht möglich gewesen wäre.

Lardi sieht im Theater eine Auseinandersetzung, die einerseits zwischen den Schauspielern untereinander, andererseits zwischen ihnen und dem jeweiligen Stoff stattfindet. Aus der Intensität dieser Auseinandersetzung leitet sie ab, dass zwangsläufig etwas davon auf das Publikum überspringen müsse.

Jedes System hat seine In­stitutionen. Auch diese sind künstlich geschaffen. Also veränderbar. Eine mögliche Methode sei es, mit den Mitteln des Theaters fiktive In­stitutionen zu entwickeln und diese dann an der Realität zu messen. Auf diese Weise entstünden neue Erfahrungsformen, die dann zu einem neuen Bewusstsein führen, das an den Bruchstellen des Systems ansetzen könne. „Es ist eine Frage, wie wir Dinge wissen und sie an uns heranlassen“, sagt Rau. In der Praxis müsse man dann versuchen, in die Logik der Institutionen die Idee der Gerechtigkeit einzubauen. Und zwar einer Gerechtigkeit, die alle Menschen einbeziehe – Menschen aus armen Ländern ebenso wie die aus privilegierten Gesellschaften der westlichen Welt.

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