Staunenswerte Premiere in Essen: Alessandro Scarlattis Stück über Kain und Abel
Gescheitertes Experiment „Mensch“

Essen -

Ein Komponist, dem man kaum auf der Bühne begegnet, und ein Sopranist, der zu Beginn seiner Karriere in Münster aufsehen erregte: Daraus und aus der biblischen Geschichte von Kain und Abel entstand in Essen ein spannender Opernabend.

Sonntag, 26.01.2020, 15:20 Uhr aktualisiert: 28.01.2020, 18:20 Uhr
Abel (Philipp Mathmann, l.) und Kain (Bettina Ranch) streiten hier schon.
Abel (Philipp Mathmann, l.) und Kain (Bettina Ranch) streiten hier schon. Foto: Matthias Jung

Im Garten Eden war alles so wunderbar, so friedlich, so harmonisch. So schön wie der Stevie-Wonder-Titel „The First Garden“, mit dem im Essener Aalto-Theater vor dem Eisernen Vorhang der krasse Kontrast zu dem verbreitet wird, was dann 140 Minuten lang die Bühne beherrscht – „Il Primo Umicidio“: Der erste Mord. Es ist die biblische Geschichte von Kain und Abel, von Adam und Eva nach deren Sündenfall. Gott verjagt sie deshalb aus dem Paradies. Und schon beginnen drunten auf der Erde die Schuldzuweisungen und Schuldeingeständnisse, die Diskussionen um Hass, Gewalt und Ungehorsam.

Der neapolitanische Opernkomponist Alessandro Scarlatti war es, der 1707 aus diesem alttestamentlichen Bericht ein Oratorium schuf. Keine Oper, denn die waren damals von Rom verboten. Also hängte Scarlatti dem Werk das Deckmäntelchen „Oratorium“ um, das Regisseur Dietrich W. Hilsdorf ihm in seiner Essener Inszenierung nun wieder abnahm. Herausgekommen ist ein berührender, mitunter turbulenter, über weite Strecken jedoch eher meditativer Opernabend, in dem es um zutiefst menschliche Gefühle geht.

Natürlich um die Rachegelüste, die Kain gegen seinen Bruder Abel hegt, weil dessen Opfer Gott wohlgefällig war, sein eigenes dagegen nicht. Konsequenz: Mit einem Stein zertrümmert Kain seines Bruders Schädel. Die Strafe folgt auf dem Fuße und Gott, in wallend weißen Stoff gehüllt, schickt ihn für immer fort. Damit ist das Experiment „Mensch“ gescheitert, Adam und Eva stehen vor den Trümmern ihrer Existenz jenseits des Paradieses.

Scarlatti gelingt es auf geradezu betörende Weise, Erfahrungen von Schmerz und abgrundtiefer Trauer, Aggression und Hinterhältigkeit in seine Musik hineinzugießen. Fast schon subkutan wird hörbar, was auf der Bühne passiert – kongenial umgesetzt von den Essener Philharmonikern unter Rubén Dubrovsky. Sie beschallen einen schäbigen barocken Speisesaal, dessen beste Zeiten längst hinter ihm liegen und der Raum bietet für eine geschlossene Gesellschaft aus sechs Personen.

Baurzhan Anderzhanov ist ein fieser Teufel, der Kain zum Mord anstiftet, Xavier Sabata ein gebieterischer Gott, Dmitry Ivanchey wirkt als Adam streckenweise etwas hilflos, aber auch tief betroffen wie seine Gattin Eva. Die gibt Tamara Banjesevic auf schlichtweg anrührende und glaubwürdige Weise – eine tolle Sängerdarstellerin!

Bettina Ranch macht als Kain aus ihren hasserfüllten Gedanken nie einen Hehl, Philipp Mathmann wird ihr Opfer. Mathmann lässt als männlicher Sopran aufhorchen, dessen Karriere vor rund elf Jahren (auch) in Münster und im Münsterland begann. Seitdem ist der 33-Jährige auf etlichen internationalen Konzert- und Opernbühnen zu erleben, zuletzt sogar in Moskau. Er wird – so darf man nach dieser Scarlatti-Premiere annehmen – weiterhin seinen Weg als Ausnahmestimme und mit seinen darstellerischen Qualitäten machen.

Überschwänglich war der Jubel des Premierenpublikums für die 20. Inszenierung, die Dietrich W. Hilsdorf an dem Essener Haus realisieren konnte.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7218925?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
Nachrichten-Ticker