Münsters Picassomuseum und das Rijksmuseum in Enschede thematisieren die Linie
Sie schafft Kontur und Ornament

Münster -

Über Linie und Farbe können Kunstexperten lange Vorträge halten. Es geht aber auch einfacher und sinnlicher: Das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster widmet der Schönheit der Linie eine Ausstellung, deren ergänzender Teil im Rijksmuseum Twenthe im niederländischen Enschede zu sehen ist.

Freitag, 31.01.2020, 16:20 Uhr
Nicht nur die Farbe, auch die Linie hat sich emanzipiert: Ernst Wilhelm Nays prachtvolles Ölgemälde „Orange und Schiefergrau“ aus dem Jahr 1953.
Nicht nur die Farbe, auch die Linie hat sich emanzipiert: Ernst Wilhelm Nays prachtvolles Ölgemälde „Orange und Schiefergrau“ aus dem Jahr 1953. Foto: LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, VG Bild-Kunst Bonn

„Kinderkritzeleien“ seien die Werke des Amerikaners Cy Twombly für manche Betrachter, sagt Alexander Gaude schmunzelnd. Denn solche eine „Kinderkritzelei“ hat er als Kurator der neuen Ausstellung im Kunstmuseum Pablo Picasso an prominenter Stelle platziert. Was schon deshalb überaus stimmig ist, weil Twomblys titelloses Bild aus einem Gewirr weißer Linien auf einer dunklen Tafel besteht. Und um die Linie und ihre Schönheit geht es ja bei der Schau „Beauty is a Line“.

„Wir wollten eine gemeinsame Ausstellung schaffen und haben dann nach einem übergreifenden Thema gesucht“, erzählt Museumsleiter Markus Müller über das Projekt mit dem Rijksmuseum Twenthe Enschede – es seien eben nicht zwei Ausstellungen, sondern es gebe eine große an zwei Orten. „Sie ergänzen sich komplementär wie zwei Legosteine“, betont Müller. Und hat mit dieser Pointe vielleicht auch gewisse Exponate im Blick.

Florales und Klötzchen

Nein, keine Legosteine – aber gemalte Klötzchen fügen sich schon in die Idee der Linie, die sich als Element der Kunst im 20. Jahrhundert wohl ebenso emanzipiert hat wie ihr altes Gegenstück, die Farbe. Und während im niederländischen Enschede die von der Linie gebildete Kontur etwa in den Werken Pablo Picassos zu betrachten ist, gönnt sich der münstersche Ausstellungsweg bereits in den ersten Räumen einen hübschen Ausflug in den Jugendstil mit seinen floralen Elementen, die aus Linien gebildet sind. Um schon bald zum Kapitel der „gestischen Linie“ überzuleiten: Ernst Wilhelm Nays farbenprächtiges Gemälde „Orange und Schiefergrau“, vom benachbarten Landesmuseum ausgeliehen, zeigt Linien über farbigen Flächen und stützt die These Markus Müllers, dass eine Linien-Ausstellung nicht grafisch-puristisch, sondern sinnlich sein kann.

Beauty Is A Line

Der Ausstellungsteil „Von Cy Twombly bis Gerhard Richter“ ist vom 1. Februar bis zum 24. Mai im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster zu sehen, der Teil „Picasso und Matisse“ im Rijksmuseum Twenthe Enschede. Wer die reguläre Eintrittskarte aus Münster in Enschede vorlegt (oder umgekehrt), erhält 25 Prozent Rabatt.

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Sobald es sich dann um die „konstruktive Linie“ handelt, geht die Sinnlichkeit andere Wege: Die Plastik-Kuben von Sol LeWitt oder die an Mondrian gemahnenden Elemente in Bart van der Lecks „Komposition Nr. 8“ lassen die Assoziation zu Klötzchen naheliegend erscheinen. Woran man sieht, dass die Ausstellungsidee auch jene geometrischen Formen umfasst, die von Linien gebildet werden.

Cy Twomblys Linien sind gleichsam mit Händen zu greifen, ebenso jene, die Pablo Picasso mit dem Licht einer Taschenlampe in den dunklen Raum zeichnete und fotografisch zum Zentaur gerinnen ließ – ihm folgen in Münster entsprechende Fotogravuren des Künstlers Olafur Eliasson. Von Gerhard Richter schließlich, den die Schau im Untertitel nennt, gibt es ein paar Bilder, die den optischen Täuschungen des Niederländers M. C. Escher verwandt sind.

Mit der Linie konnten die Künstler des 20. Jahrhunderts also auf ebenso verblüffende Weise den Betrachter täuschen wie einst die Künstler der Renaissance, denen die Linie noch Hilfsmittel war, um die Zen­tralperspektive zu entwickeln.

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