Die Pianistin Alice Sara Ott im Schoneberg-Konzert
Klangbilder aus der Zwischenwelt

Münster -

Keine Pause, kein Zwischenapplaus, dafür magisches Licht: Der Klavierabend von Alice Sara Ott in Münster war anders als andere. Und faszinierend.

Montag, 10.02.2020, 17:24 Uhr
Alice Sara Ott gestaltete einen ungewöhnlichen Klavierabend in Münster.
Alice Sara Ott gestaltete einen ungewöhnlichen Klavierabend in Münster. Foto: Esther Haase

Die Bühne des Theaters ist in dämmriges Blau getaucht. Vor dem Steinway sitzt eine feingliedrige Frau, die mit sanft fließenden Bewegungen spielt. Nur drei Komponisten: Claude Debussy, Erik Satie und Frédéric Chopin . Ein Stunde lang, ohne sich zu erheben und von der Bühne zu gehen. Eine „Blaue Stunde“, wie sie selber es nennt, wenngleich ihr Programm und die neue CD „Nightfall“ heißen. Gemeint ist jene melancholische Zwischenwelt, die Tag und Nacht, das Helle und das Dunkle trennt. In diese wurde das Publikum beim Schonberg-Konzert magisch hineingesogen.

Alice Sara Ott weiß, wie das geht. Indem sie ein Programm konzipiert, welches Klavierwerke so sublim aufeinander abstimmt wie ein Meisterkoch seine Menüfolge. Indem sie das Auge wie in einer Theaterperformance „mithören“ lässt, wenn über den Tasten eine hellblaue Glitzerleiste leuchtet und die Pianistin als dunkle Silhouette vor blauem „Twilight“ erscheint. Und schließlich: Indem sie mit leiser und warmer Stimme ihrem Publikum die eigenen, ganz persönlichen Gedanken mitteilt, bevor sie es auf ihre musikalische Reise mitnimmt. „Ich glaube, wir alle haben Helles und Dunkles in uns.“

Es verwundert nicht, dass die ausgewählten Stücke – gespielt ohne Pause und Zwischenapplaus – gleichsam wie zu einem Werk verschmelzen, dass der Weg von Debussys „Suite Bergamasque“ über Saties skizzenhafte Melancholie bis zu Chopins Nocturnes ein einziges trancehaftes Gleiten ist. Ohne dramatische Ausbrüche, welche die Zerbrechlichkeit beschädigen könnten. In dieser verharrte der Saal in atemloser Aufmerksamkeit.

Alice Sara Ott ist viel zu stilsicher, als dass sie Debussys Impressionismus als verwaschenes Aquarell präsentieren würde. Im Gegenteil: Die Klarheit ihres Anschlags macht staunen. Mal scharfkantig, mal wie auf Schmetterlingsflügeln huschen die Hände übers Elfenbein. Und das legendäre „Clair de lune“? Hier geht es ihr nicht um romantische Mondlicht-Stimmung, sondern die schmerzhafte Wahrheit hinter der Maske des Süßen, die das gleichnamige Paul-Verlaine-Gedicht beschreibt.

Drei Satie-Stücke schließen sich an, und bei der Gymnopédie Nr. 1 gönnt Ott dem Pariser Kauz so viel Rubato, dass er zum Romantiker mutiert. Was sich bei Chopin von selbst versteht: Die ersten zwei Nocturnes op. 9 erklingen mit einer zarten Anmut, die nicht rauschhaft sein will. Dass die dramatische g-Moll-Ballade op. 23 am Schluss das Rauschhafte ebenfalls nicht zu weit treibt, ergibt sich aus der Dramaturgie zwingend. Jubelnder Beifall für eine Ausnahmepianistin.

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