Thorsten Sträter in der Halle Münsterland
Ernst ohne Moral-Attacken

Münster -

An billigen Lachern hat er selbst keinen Spaß: Torsten Sträters Sprachwitz nimmt auch seine Zuhörer in die Pflicht. Die bekamen in Münster Ernstes, aber nichts Allzuernstes geboten.

Sonntag, 08.03.2020, 18:12 Uhr
Torsten Sträter braucht auf der Bühne nicht viel mehr als seine Sprache und seine Mütze.
Torsten Sträter braucht auf der Bühne nicht viel mehr als seine Sprache und seine Mütze. Foto: Günter Moseler

„Der gesunde Menschenverstand ist reines Gift“, lautet eine grandiose Volte des Radikalkabarettisten Wolfgang Neuss . Torsten Sträter könnte diesen Begriff rehabilitieren. Ein Mann gegen fade Moden, verblasene Botschaften und großspurige Allerweltsweisheiten – so bedeutsam wie „Schnee, der auf Ceran fällt“: Im ausverkauften Congress-Saal tobte sich Sträter mit diesem Programm bei rhetorischer Allseitigkeit in radikaler Einseitigkeit aus.

Noch der leiseste falsche Zungenschlag provozierte jupiterhafte Bannflüche („Ich achte sehr auf Sprache!“), die Ankündigung des Filius: „Ich werd Influencer“ parierte ein kühler Konter: „Geh erst mal duschen!“, einem winzigen Huster wurde ein ironisches: „Wir haben ein Problem!“ hinterhergeschickt. Der globale Siegeszug des Corona-Virus beschäftigte auch Sträter, der aber jeder Lizenz zur Hysterie abschwor: „Sechshundert Infizierte bei achtzig Millionen sind ein guter Schnitt“. Anfangs gab’s einiges Gegacker im Publikum, was Sträter zu Assoziationskapriolen über Dorfhexen, mongolischen Hardrock, Transvestiten, Marschmusik, Herne und Recklinghausen hinriss: „Hören Sie auf, über jeden Scheiß zu lachen!“.

Ein Pult, ein Stuhl, ein Mikro: Sträter verzichtete auf technisches Feuerwerk, Publikumsspielchen und Showfirlefanz: Er improvisierte (viel), räsonierte (ziemlich viel), dozierte (wenig), fabulierte (weniger), meditierte (kaum), analysierte (indirekt) und hielt in diesem Achterbahn-Slalom immer Kurs auf Abdrift des Allzumenschlichen. Die Homöopathen taxierte der Meister als „aggressives Völkchen“ („Globuli, wenn dir Tic-Tacs zu wenig sind“), Argumente von Impfgegnern persiflierte er per Originalzitat: „Davon kriegt man Autismus“. Er warnte vor Fast Food an Rastplätzen, vor Jens Spahn („Man soll NRW meiden – soll ich jetzt mein Haus anzünden?“), outete sich als Fan von Greta Thunberg und gab Biografie-Geheimnisse preis: „Dann sagte Onkel Detlef nebenher: Außerdem bist du adoptiert“.

Sträters Kaminfeuerbariton adelte jedes Tagesthema, gezielt abwegiges Possenkamikaze hielt den Saal auf erhöhter Temperatur. Der Meister der eleganten Formulierung genoss die entspannte Zuneigung eines Publikums, das sich nicht bei jedem Halbsatz willenlos verausgabte. Als „komische Zeit“ empfand Sträter die Gegenwart, in der „so viele Menschen unfreundlich geworden sind“ – da war es, als hörte man das Publikum tief durchatmen. Lebensweisheiten misstraut Sträter dennoch – die sind ihm für die komplizierte Welt doch zu einfach. Sträters Ernst ist einer ohne die Moral-Attacke des Allzuernsten.

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