Sandra Lüpkes stellt neuen Gesellschaftsroman „Die Schule am Meer“ vor
Verlobte des Opernchefs auf Abwegen

Münster -

Sandra Lüpkes hat viele Jahre in Münster gelebt. Jetzt stellt sie einen neuen Gesellschaftsroman vor, der an einer Schule auf Juist spielt. Auf Basis von Dokumenten und eigener Forschungen erzählt Lüpkes aus wechselnden Perspektiven und in atmosphärisch dichter Erzählweise von der gelebten Vision des Reformpädagogen Martin Luserke zwischen Inselalltag und NS-Politik.

Freitag, 13.03.2020, 16:50 Uhr
Sandra Lüpkes schreibt im Gesellschaftsroman „Die Schule am Meer“ über eine Gruppe hochmotivierter Lehrkräfte für eine neue Pädagogik.
Sandra Lüpkes schreibt im Gesellschaftsroman „Die Schule am Meer“ über eine Gruppe hochmotivierter Lehrkräfte für eine neue Pädagogik. Foto: Sarah Koska

„Das brünette Haar war fein und vom Seewind zerzaust. Eitel schien sie nicht zu sein und auch nicht schüchtern.“ Beides irritierte Eduard Zuckmayer an der angehenden Literaturübersetzerin Gisela gleichermaßen. Der große Bruder des Schriftstellers Carl Zuckmayer war Chor- und Orchesterleiter an einer Schule auf Juist. Diese steht im Mittelpunkt des 570-seitigen historischen Gesellschaftsromans „Die Schule am Meer“ von Sandra Lüpkes , die viele Jahre in Münster gelebt hat.

Auf Basis historischer Dokumente, eigener Forschungen und Gespräche mit Angehörigen erzählt Lüpkes aus wechselnden Perspektiven und in atmosphärisch dichter Erzählweise von der gelebten Vision des Reformpädagogen Martin Luserke zwischen Inselalltag und NS-Politik. Mit der jüdischen Lehrerin Anni Reiner gründete Luserke 1925 privat die Schule am Meer – als erste deutsche Freiluftschule, die bis zum Reifezeugnis führte. Die musische, physische und handwerkliche Ausbildung der Schüler prägte die damals einzige deutsche Schule, die eine eigene Theaterhalle errichtete, von der wichtige Impulse für das Laienspiel, die Jugendbewegung und das professionelle Theater ausgingen.

Verbotene Flirterei

Alfred Döblins Kinder praktizierten in der Schule am Meer das rituelle Tauchbad; Internatsschülerin Beate Uhse entdeckte das Segeln und den körperbetonten Ausdruckstanz für sich, und Inselbesucherin Gisela Günther verdrehte Musiklehrer Zuckmayer die Augen. Dabei war sie mit Deutsch- und Theaterlehrer Walter Jokisch verlobt, der von 1968 bis zu seinem Tod 1970 Oberspielleiter der Oper an den Städtischen Bühnen Münster war.

Dienstbesprechung in den Dünen: Diese Originalfotografie aus den Dreißiger Jahren zeigt die Lehrerschaft der reformpädagogischen Schule am Meer.

Dienstbesprechung in den Dünen: Diese Originalfotografie aus den Dreißiger Jahren zeigt die Lehrerschaft der reformpädagogischen Schule am Meer. Foto: Archiv Küstenmuseum Juist

Sehr poetisch beschreibt Autorin Sandra Lüpkes die verbotene Flirterei, etwa wenn Giselas Nasenflügel wie kleine Blasebälge bebten und Eduard ihr zuraunt: „Ich kann ihnen verraten, dass Sie einen A-Dur-Dreiklang lachen. A-Cis-E. Wird von unseren Ohren gemeinhin als besonders glänzend, festlich und klar wahrgenommen.“ In einer Mondnacht rudern beide – die dritte Strophe des Abendliedes von Matthias Claudius sinnierend – in einer Nussschale über das Meer, während es Walter Jokisch vorzog, sein neues Arbeitszimmer einzuräumen. Das „musikalische Bewegungsspiel“ in der Theaterhalle reizte ihn mehr. Bei der Aufführung von „Wie es euch gefällt“ Pfingsten 1931 begeisterte er Schüler und Eltern gleichermaßen: „Einmal muss Herr Jokisch in seiner Rolle als Probstein sogar an einer Strickleiter von der Decke hinunterhangeln.“

Schule wegen NS-Gleichschaltung geschlossen

Jokisch’ Präferenz für die Theaterkunst ist nur eine Episode der vortrefflich erzählten Insel-Geschichten von Lehrern und Schülern zwischen Hoffnung und Furcht, Freundschaft und Verrat, Inspiration und Scheitern an der Realität. Sandra Lüpkes stieß durch Zufall auf die Romanidee: „Bei einer Lesung im Küstenmuseum Juist fiel mein Blick auf eine Schautafel. Mir wurde auf einen Schlag die Tragik klar: Eine Gruppe hochmotivierter Lehrkräfte setzt alles aufs Spiel für eine ganz neue Pädagogik – und scheitert, weil Werte wie Toleranz, Gleichberechtigung und Individualität im neuen Staat nicht erwünscht sind. Das geschah vor beinahe 100 Jahren und könnte doch das Heute meinen.“ Wegen wirtschaftlicher Probleme und NS-Gleichschaltung wurde die Schule am Meer 1934 geschlossen.

Lernen und Leben am Rand der bewohnbaren Welt: Von 1925 bis 1934 wollte Martin Luserke an seiner „Schule am Meer“ eine „Synthese von Geist- und Lebensbildung“ erreichen – auch durch den Boots und Segelunterricht. Teile des pädagogischen Konzeptes sind auch heute noch lebendig – als integrierter Bestandteil des Programms der Jugendbildungsstätte Theodor Wuppermann haben sie sogar den Weg zurück nach Juist gefunden.

Lernen und Leben am Rand der bewohnbaren Welt: Von 1925 bis 1934 wollte Martin Luserke an seiner „Schule am Meer“ eine „Synthese von Geist- und Lebensbildung“ erreichen – auch durch den Boots und Segelunterricht. Teile des pädagogischen Konzeptes sind auch heute noch lebendig – als integrierter Bestandteil des Programms der Jugendbildungsstätte Theodor Wuppermann haben sie sogar den Weg zurück nach Juist gefunden. Foto: Archiv Küstenmuseum Juist

„Die Schule am Meer“ erscheint am 10. März bei Kindler/Rowohlt. Die Münster-Lesung ist am 28. Mai in der Waldorfschule, Rudolf-Steiner-Weg 11. Dies Lesung besteht zur einen Hälfte aus Passagen aus dem Buch, zur anderen aus einem spannenden Vortrag über die historischen Begebenheiten mit Originalfotografien.

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