Premiere und Schluss: „Schwiegermutter und andere Bosheiten“ im Boulevard Münster
Schrecklich nette Familien-Bande

Münster -

„Schwiegermutter und andere Bosheiten“, so heißt eine neue Komödie im Boulevard Münster. Doch nach der Premiere am Freitagabend kam schnell die Ernüchterung. Auch das Boulevard muss in den nächsten Wochen wegen Corona schließen. Für die Kultur brechen schwere Zeiten an.

Sonntag, 15.03.2020, 16:04 Uhr
Softie Bernhard (Erik Voß) hat seinem Nebenbuhler (Eric Haug) ein blaues Auge verpasst. Die Damen (v. l.: Kathrin Enders, Angelika Ober, Floriane Eichhorn) sind verwundert.
Softie Bernhard (Erik Voß) hat seinem Nebenbuhler (Eric Haug) ein blaues Auge verpasst. Die Damen (v. l.: Kathrin Enders, Angelika Ober, Floriane Eichhorn) sind verwundert. Foto: Pittermann

Zu Beginn traten die zwei Paare des Stückes vor den Vorhang und sangen wie weiland Frank Sinatra: „Love and marriage, they go together like a horse and carriage“! Sicher hat die Sitcom-affine Angelika Ober (Regie) diese „Titelmelodie“ nicht zufällig ausgesucht. So mancher dachte wohl zurück an die 90er-Jahre-Kultserie um den misogynen Schuhverkäufer Al Bundy und seine „schrecklich nette Familie“. Auch im Boulevardtheater waren schrecklich nette Familienbande zu sehen, allerdings mit deutlicher Betonung auf „nett“. Das aktuell leider reduzierte Publikum war von der Premiere höchst begeistert.

Autor Alexander Ollig hat einen guten Job gemacht und den Dialogmotor bestens geölt. Und ebenso wie in der erwähnten Fernseh-Sitcom steht ein Pantoffelheld im Zentrum. Allerdings nicht auf dem Höllensofa des amerikanischen „White Trash“, sondern einmal mehr in der schicken Wohnstube des Bürgertums, die sogar mit William-Turner-Drucken an den Wänden protzt; Bühnenbildner Peter Pittermann augenzwinkert mit Münster-Anspielungen.

Aus diesem schmucken Ambiente soll der nölende Bernhard ( Erik Voß ) ausziehen, hat sich doch seine Angetraute Henrike (Kathrin Enders) eine Auszeit zwecks erneuter Selbstfindung verordnet. Außerdem gehört das Haus der dominanten Schwiegermutter Gerda (Paraderolle für Angelika Ober), die vom Obergeschoss aus ein scharfzüngiges Regiment führt. Mitten hinein platzen nun die beste Freundin Claudia (Floriane Eichhorn) und ihr gockelhafter Verlobter Uwe (Eric Haug). Und der Casanova kommt Mutter Gerda und Tochter Henrike verflixt bekannt vor!

In diesem Beziehungslabor müssen alle ihre Lektion lernen. Allen voran der Langweiler Bernhard, der zwischen Bart und Bräsigkeit seine verschüttete Männlichkeit wiederfindet (die der Nebenbuhler als sprichwörtliche Faust ins Auge bekommt). Erik Voß balanciert das zwischen kernigem Vollbart und hoher Softie-Stimme toll aus. Nebenbuhler Eric Haug (Uwe) trägt sein blaues Auge mit Witz und Weinerlichkeit.

Die drei Ladys lernen die Allerwelts-Lektion, dass feurige Lover zwar für Kurz-Affären taugen, nicht jedoch für Alltag, Kind und Hausbau. Kathrin Enders und Floriane Eichhorn machen das Beste draus – und verschmerzen, dass der Autor sein Pulver meist an Mutter Gerda verschenkt. Die lässt es krachen und verschafft Angelika Ober lustvolle Läster-Auftritte.

Das Theater stellte den Spielbetrieb am Sonntag ein und geht von einer Schließung bis 13. April aus.

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