Skulptur-Projekt von Ilya Kabakov zur Corona-Krise
„. . . um dich herum keine Menschenseele“

Münster -

Kunst ist in diesen Corona-Tagen kaum zu genießen. Immerhin gibt es noch keine Ausgangssperre, so dass die Skulptur-Projekte in Münster nach wie vor besucht werden können. Eines passt besonders gut.

Donnerstag, 26.03.2020, 11:42 Uhr
„Blickst du hinauf und liest die Worte...“ – so beginnen die von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ inspirierten Sätze des poetischen Sendemasts von Ilya Kabakov am Aasee.
„Blickst du hinauf und liest die Worte...“ – so beginnen die von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ inspirierten Sätze des poetischen Sendemasts von Ilya Kabakov am Aasee. Foto: Gerhard H. Kock

Kunst ist in diesen Corona-Tagen kaum zu genießen. Immerhin gibt es noch keine Ausgangssperre, so dass die Skulptur-Projekte in Münster nach wie vor besucht werden können. Eines passt besonders gut in diese Phase der Kontaktsperre: Ilya Kabakovs poetischer Sendemast am Aasee aus dem Jahr 1997. Seine Botschaft kann in dieser Zeit aufmuntern:

Diese Stille. Diese Leere. Irgendwie befremdlich. Irgendwie schön. Hin und her gerissen zwischen Sorgen und Frühlingsfreuden wandeln vereinzelte Menschen in diesen Tagen unter blauem Himmel in der erwachenden Natur umher. Ein Gefühl von Unwirklichkeit beschleicht viele, denn virusgebeutelt müssen wir liebgewonnene Gewohnheiten pausieren lassen, neue Regeln über Abstand und Rücksichtnahme erlernen.

Die Kommunikationskultur moderner Medien erleichtert einiges, ersetzt aber auf Dauer nicht den persönlichen Kontakt. Die Menschen sind multimedial auf Sendung, anstatt einander direkt zu begegnen. Kürzlich war es noch verpönt, dauernd auf das Smartphone zu blicken, dieses vernetzte Ding, das sich in die Aufmerksamkeit bohrt wie ein Angelhaken – und das Opfer nicht so schnell wieder loslässt. Doch jetzt hat es sich unverhofft zum Rettungsanker gewandelt.

Wie Balsam für die Seele mutet das Skulptur-Projekt von Ilya Kabakov an, das seit 1997 unweit des Wewerka-Pavillons am Aasee steht. Als Kontrapunkt zur wachsenden, technikdominierten Informationsflut intendiert, beschreibt es mit einem Goethe-Zitat, was in dieser alle betreffenden Krisenzeit ebenso hilfreich ist wie bei persönlichen Nöten abseits jeglicher Pandemie: die Besinnung auf die schönen Aspekte des gegenwärtigen Augenblicks, das Innehalten mit bewusster Wahrnehmung der angenehmen Elemente des Lebens, die immer auch präsent sind.

Zu beiden Seiten des 15 Meter hohen „poetischen Sendemasts“ lassen sich zwischen 22 Stahlstäben die dünnen Drahtbuchstaben entziffern: „Mein Lieber! Du liegst im Gras, den Kopf im Nacken, um dich herum keine Menschenseele, du hörst nur den Wind und schaust hinauf in den offenen Himmel – in das Blau dort oben, wo die Wolken ziehen – das ist vielleicht das Schönste, was du im Leben getan und gesehen hast.“

Was für ein Appell!

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