Tilman Rademachers Buchsommelier-Trilogie
Schmeckt nach Zitrone

Was Tilman Rademacher über Dichter sagt, gilt für ihn selbst besonders: „Seine Seelennabelschau ist selten fad / und seltener noch öde. / Dichter, stolzer Pfau, hab Dank! / Denkst für uns dich blöde.“

Freitag, 08.05.2020, 12:36 Uhr aktualisiert: 08.05.2020, 16:41 Uhr
Tilman Rademachers Buchsommelier-Trilogie: Schmeckt nach Zitrone
Foto: Rademacher

Was Tilman Rademacher über Dichter sagt, gilt für ihn selbst besonders: „Seine Seelennabelschau ist selten fad / und seltener noch öde. / Dichter, stolzer Pfau, hab Dank! / Denkst für uns dich blöde.“ Der Münsteraner hat jetzt mit „In der Tinte“ den dritten und letzten Band seiner Trilogie „Der Buchsommelier“ vorgelegt. Lyrik kann ein virtuoses tiefschürfendes Seelen- und Geistes-Vergnügen sein, bei Rademacher ist es zudem meist ein lukullischer Schmaus des Gaumens. Dass dieser Lyriker ein Theatermacher vom Scheitel bis zur Sohle ist, wird spürbar, wenn der Leser die Verse laut liest. Was dringend zu empfehlen ist! Im stillen Kämmerlein . . . Rademacher spricht das Reißen und Wüten der Seele mit sich und der Umwelt aus, spuckt es geradezu der Welt vor die Füße. Um gleich auf der nächsten Seite die zärtlichsten Lieder zu singen. Denn die Gedichte dieser drei Lyrik-Bände bieten dem Leser eine enorme Breite an Vielfalt – inhaltlich wie formal. Von Kürzestgedichten über expressionistischen Stakkato-Schlägen auf der Wort-Pauke bis hin zu elegischen Lamentationes reicht die Palette. Selbst schlicht schön beseelende Verse („Herbst im Frühling“) sind dabei.

Was den Leser einnimmt, sind die Vitalität der Sprache, des Ausdrucks und oft das Ende, das selbst den zuvor ausgespienen oder stechenden Schmerz anrührend oder komisch ins Erleichternde bricht, teils mit wunderbarer Ironie, die sich ins Versöhnliche wendet („Die Fehlbesetzung“); selbst Cliffhanger sind dabei („Demut“). Rademacher ist oft ein listiger Schalk. Und dass hier ein Schauspieler mit seiner Leidenschaft fantastische Sprachgemälde („Stummfilm“) und zungenbrecherische Lautkonzerte(„Zweig Zwitsch Zwist“) aufs Papier gebracht hat, spielt einem aus fast jeder Zeile entgegen.

Die „Buchsommelier“-Trilogie nimmt von Band 1 zu Band 3 spürbar eine Entwicklung, die vielleicht mit einem Wasserlauf zu vergleichen ist – vom reißenden Sturzbach der Berge über das Winden und Wogen eines Flusses bis hinein ins ruhigere Meer (etwas ruhigere . . .). Begeht Gott in Band 1 noch Selbstmord, trifft in Band 2 ein Atheist („er glaubt es nicht“) auf Gott, der zudem kreisrund ist und ein wenig nach Zitrone schmeckt. In Band 3 schließlich bittet Rademacher in der „Glaubensfrage“ Gott, für ihn zu beten. Rademacher startet als Kämpfer mit „Druckerschwärze meine Kriegsbemalung / Worte, wild mein Kriegsgeheul / Gift und Tinte in den Adern“, um am Ende Philosoph zu werden: „Wir glauben an das Leben / als sei es so sicher / wie der Tod“. Rademachers Buchsommelier-Trilogie ist ein lyrisches Erlebnis für Geist, Seele und Körper. Und den letzten Worten des Meisters kann man sich anschließen: „Aber lesen Sie selbst!“

„Der Buchsommelier“, 3 Bände, von Tilman Rademacher, BoD, beziehbar über den Autor: tilmanrademacher@gmx.net

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