Filmwerkstatt-Geschäftsführer Winfried Bettmer in den Ruhestand gegangen
Unabhängige Kinokultur stärken

Münster -

In diesem Frühjahr hat Winfried Bettmer – über drei Jahrzehnte das Gesicht der Filmwerkstatt die Leitung an Daniel Huhn und Steffi Köhler übergeben und ist in den Ruhestand gegangen. Dem Redakteur Gerhard H. Kock beantwortete er dazu ein paar Fragen.

Samstag, 04.07.2020, 06:52 Uhr
Nach Jahrzehnten im Ruhestand: Winfried Bettmer.
Nach Jahrzehnten im Ruhestand: Winfried Bettmer. Foto: Thomas Mohn

Es sind die Jahre der Generationenwechsel. Die alten Männer gehen. Voriges Jahr hat Hermann Wallmann die Leitung des Lyrikertreffens abgegeben. Nächstes Jahr wird sich Ludger Schnieder als Geschäftsführer verabschieden. In diesem Frühjahr hat Winfried Bettmer – über drei Jahrzehnte das Gesicht der Filmwerkstatt (seit 1997 als Geschäftsführer) – die Leitung an Daniel Huhn und Steffi Köhler übergeben und ist in den Ruhestand gegangen. Dem WN-Redakteur Gerhard H. Kock beantwortete er dazu ein paar Fragen.

Wie sind Sie zur Filmwerkstatt gekommen?

Bettmer: Ich hatte neben der Theaterarbeit für einige Dokumentarfilmer im Ruhrgebiet auch als Tonmeister gearbeitet und später dann in der damaligen Filmwerkstatt Essen unter anderem Ausbildungskonzepte für den Seminarbetrieb erstellt und Filmveranstaltungen organisiert. Als ich dann ins Münsterland gezogen bin, habe ich bei den Münsteraner Kollegen angeklopft.

Wie hat sich der Verein entwickelt?

Bettmer: Prima. Seit Anfang der 90er haben sich Umsatz und Anzahl der Mitarbeiter verdoppelt. Die Strukturen des Vereins wurden ausgebaut und haben sich stabilisiert. Wir haben viele internationale Kontakte in europäische Länder geknüpft, insbesondere in die Niederlande. Wir haben mit dem Filmhuis De Keizer den Verein Stichting Filmspiegel gegründet und gemeinsam viele grenzüberschreitende Veranstaltungen durchgeführt. Wir haben aktuelle niederländische Filme bei der „Halbtotale“ oder beim „Filmfestival Münster“ gezeigt und die Niederländer deutsche Filme. Wir haben die Filme später auch in der Region gezeigt, in den Niederlanden liefen sie dann irgendwann in mehr als zwanzig Städten – als deutsche Filme, die dort sonst nie einen Verleih gefunden hätten. Als Rahmenprogramm des Filmfestivals und zur Halbtotale kamen auch die holländischen Filmemacher von Johanna Tersteege bis Theo van Gogh.

Welche Bedeutung hat die Filmwerkstatt in Münsters Kulturszene?

Bettmer: Mit dem Filmfestival und dem Filmclub tragen wir natürlich dazu bei, die unabhängige Kinokultur neben dem Mainstream in Münster zu stärken. Wir sind Anlaufstelle für junge Filmemacher aus der Region, die hier ihre ersten Schritte machen. Die Filmwerkstatt berät Einzelpersonen und Institute in allen filmischen Fragen. Sie schafft Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Playern in den münsterischen Kulturszenen - seien es freie Theatergruppen, Musiker, Autoren oder bildende Künstler, Gestalter und Designer. Im Übrigen war die Filmwerkstatt (da auch überregional aktiv) – zum Beispiel landesweit mit dem Netzwerk Filmkultur NRW oder bundesweit mit Kontakten zu Programmkinos und über das Filmfestival Münster entstanden zahlreiche Kontakte zu Filmemachern im deutschsprachigen Raum.Die Filmwerkstatt hat auch neue Kulturformate kreiert, da war z.B. die legendäre Party im Stadtbad Mitte mit dem Film Titanic: Das Stadtbad sollte renoviert werden und war geschlossen. Wir durften einen Film darin zeigen. Unsere münsteraner Zuschauer waren mit dem Hallenbad groß geworden und genossen es, sich plötzlich im Hallenbad ohne Badmeister frei bewegen zu können. Die Leute hatten großen Spaß und sprangen sogar unerlaubterweise ins Wasser. Am zweiten Tag war der Andrang riesengroß. Aber sowas lässt sich nicht planen, das ist einfach passiert und war dann eine großartige Veranstaltung. Es gab so viele Veranstaltungen in den ganzen Jahren - Stummfilme mit Orchesterbegleitung im Theater, Open Air- Veranstaltungen, Länderfilmreihen in der Halbtotalen und auch die Flurstücke.Das Format ist noch recht neu. Die ersten Flurstücke gab es 2011 - und sind ein Gemeinschaftsprojekt von Pumpenhaus, Theater Titanick, der Kunsthalle Münster und der Filmwerkstatt.Wir wollten zeigen, wie stark sich die verschiedenen Kunstformen durchdringen und vermischen, z.B. in Performances. Wir wollten zeitgenössische Produktionen finden, die spartenübergreifend im öffentlichen Raum offen für alle Menschen und nicht nur für ein ausgewähltes Theaterpublikum. Das war noch die alte 70er Jahre Idee von Umsonst und Draußen. Und es war in Münster auch eine ganz alte Idee, ein Thema, das in der Stadt ja bereits präsent war - Kunst im öffentlichen Raum – durch die Skulpturen-Projekte.Flurstücke funktioniert gut und ist als Festival auf seine Art weltweit einzigartig - insbesondere auf diesem hohen Niveau.Neben dem Filmfestival Münster hat die Filmwerkstatt als zweites Filmfestival mit dem Schwerpunkt Literatur erst das ZEBRA etabliert und wird zukünftig mit LitFilms auch ins Münsterland gehen – als Literaturfilmfestivals auch international eine Besonderheit.

Welche Bedeutung hat die Filmwerkstatt darüber hinaus?

Bettmer: Die Filmwerkstatt hat eine Vielzahl von Filmen produziert, koproduziert oder auch einfach nur unterstützt – gerade im Independent-Bereich. „Camilo“, als Kinofilm von Arte mitfinanziert, lief auf drei A-festivals weltweit, in Cuba, Argentinien und in Kanada, aber erstaunlicherweise auf keinem deutschen. Kürzlich noch hat ihn das Goethe-Institut in Chile gezeigt. Camilo hat die Filmwerkstatt selbst in den kommunalen Kinos vertrieben – er lief in circa 20 Kinos und kann als DVD bei der Filmwerkstatt bestellt werden. Bei der „Berkel“ war es anders, der war auch als Kinofilm produziert, erhielt keinerlei Förderung und wurde durch die Filmwerkstatt selbst vermarktet. Er lief im Schloßtheater und in der Region entlang des Flusses Berkel, sowohl auf deutscher als auch holländischer Seite.

Was ist Ihr Lieblingsfilm von anderen?

Bettmer: Der Illusionist von Jos Stelling aus den 80er Jahren weil er so poetisch-phantastisch ist und das holländische Bürgertum treffend beschreibt, der Film kommt komplett ohne Dialoge aus – aber man merkt es gar nicht. Da steckt so viel Poesie in den Bildern und der Geschichte, ein anarchistisch-befreiender Film . . . Dann „Tausend Rosen“ von Theo Beurmans aus den 90ern, weil es der einzige Film in Münsterländer Platt ist. Da Setting kommt einem bekannt vor, aber man kann es nicht zuordnen. Der Film war in Belgien gedreht worden, mit Schauspielern aus Münster von der Niederdeutschen Bühne. Er polarisierte das Publikum enorm.

Welcher eigene Film war Ihnen am wichtigsten?

Bettmer: „Camilo“, aufgrund der die Zusammenarbeit mit Peter Lilienthal, weil er antimilitaristisch ist und Strukturen der Unterdrückung aufzeigt. Und „Die Berkel“, weil er mir noch mal einen anderen Zugang zur Geschichte unserer Region geöffnet hat

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?

Bettmer: Alt werden und sterben.

. . . und wie mit der Filmwerkstatt?

Bettmer: Da müssen Sie Daniel Huhn und Steffi Köhler fragen. Fortsetzung folgt.

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