Freies Musical Ensemble sagt Projekt ab und bangt um Zukunft
„Wir müssen wieder bei null anfangen“

Münster -

Nach den Herbstferien ist beim Freien Musical-Ensemble Münster (FME) Aufführungszeit – normalerweise. Doch auch das FME bleibt nicht von der Corona-Krise verschont.

Montag, 17.08.2020, 17:02 Uhr
Für dieses Jahr wird sich der FME-Vorstand an das Bild der leeren Bühne in der Waldorfschule gewöhnen müssen (v.l.): Andreas Strothmann (organisatorischer Leiter), Ingo Budweg (künstlerischer Leiter), Canan Toksoy (Regisseurin) und Marvin Stoppelkötter (Öffentlichkeitsarbeit).
Für dieses Jahr wird sich der FME-Vorstand an das Bild der leeren Bühne in der Waldorfschule gewöhnen müssen (v.l.): Andreas Strothmann (organisatorischer Leiter), Ingo Budweg (künstlerischer Leiter), Canan Toksoy (Regisseurin) und Marvin Stoppelkötter (Öffentlichkeitsarbeit). Foto: Franziska Eickholt

Nach den Herbstferien ist beim Freien Musical-Ensemble Münster (FME) Aufführungszeit – normalerweise. Doch auch das FME bleibt nicht von der Corona-Krise verschont. Nun steht fest: Es wird in 2020 zum ersten Mal seit 13 Jahren kein Musical-Projekt geben. Dass über 120 Mitglieder Arbeit und Herzblut in das ursprünglich geplante Stück „Ragtime“ investiert haben, ist dabei das geringste Problem. Vielmehr steht die Zukunft des Ensembles nun auf dem Spiel. Franziska Eickholt hat als Mitarbeiterin dieser Zeitung den künstlerischen Gesamtleiter, Ingo Budweg , Regisseurin Canan Toksoy , und den organisatorischen Leiter, Andreas Strothmann, gefragt, was die Absage bedeutet.

 

Voriges Jahr hat das FME sein 20-jähriges Bestehen gefeiert und über 5500 Zuschauer mit dem Musicalklassiker „Titanic“ begeistert. Auf diesen Höhenflug folgt nun ein herber Rückschlag. Wie fühlt sich das an?

Budweg: „Titanic“ konnte nur deswegen solch ein Erfolg werden, weil wir in den Vorjahren viele Ideen und ein starkes Team aufgebaut haben. Mittlerweile kommt mir selbst der Gedanke daran, eine Probe anzuleiten, fremd vor. Das Feeling und die Routine sind weg. Ich hätte mir zu Beginn der Krise nie ausmalen können, wie groß der Verlust wirklich wird. Aus der Befürchtung, eine kurze Probenpause einlegen zu müssen, ist ein riesiges Monster geworden. Das ist keine Zeit, die man zum Runterkommen nutzen kann, sondern das ist wie ein Computerabsturz.

Toksoy: Sonst war es unsere Aufgabe, eine Realität zu kreieren, eine Geschichte, in die wir unser Publikum mitnehmen. Jetzt sind wir so weit, dass uns selbst genau dieser Ausgleich zur tatsächlichen Realität weggebrochen ist.

Was war der ausschlaggebende Grund zur Absage des Projektes?

Toksoy: Wir haben bis zuletzt verschiedene Szenarien durchgespielt. Doch die Probenzeit wurde immer kürzer. Während unsere größte Sorge zu Beginn des Jahres die herausfordernde Suche nach schwarzen Darstellern für unser neues Stück war, entwickelten sich dann aber immer größere Probleme.

Budweg: Gerade weil wir schon seit Jahren mit dem Verein „Kultur erleben“ im Waldorfsaal zusammenarbeiten, haben wir lange daran festgehalten, vielleicht doch noch etwas auf die Bühne zu bringen, schon alleine zur wirtschaftlichen Schadensbegrenzung. Letztendlich ist uns aber klar geworden, dass das Risiko für unser Ensemble einfach zu groß ist – sowohl gesundheitlich als auch für die Gruppendynamik.

Welche Rolle spielt diese Gruppendynamik für das FME?

Toksoy: Dass sich so viele Menschen in so hohem Maß für ein gemeinsames Projekt begeistern und engagieren, ist einzigartig. Zwar hat das Ensemble weiterhin zusammengehalten, online geprobt und sogar auf digitalem Wege einen gemeinsamen Song geschrieben und aufgenommen. Dennoch bereitet es mir Sorgen, dass dieser Zusammenhalt nun kaputt geht.

Budweg: Die Idee hinter dem FME war schon immer, dass die Gruppe sich über die Jahre entwickelt und wächst. Das ist wie ein Baum, den man trimmen und pflegen muss. Nun werden wir wieder bei null anfangen müssen. Die Grundwerte bleiben, aber dieses Ensemble wird nie wieder so sein wie zuvor.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Absage für das FME?

Strothmann: Während professionelle Theater subventioniert werden, ist das für uns als Amateurensemble nicht der Fall. Auf den enormen laufenden Kosten, etwa für Mieten, bleiben wir sitzen. Für uns ist das absolut besorgniserregend.

Eine zerstörte Gruppendynamik und ein immenser wirtschaftlicher Schaden – wie kann es für das FME weitergehen?

Budweg: Der Wandel durch die Krise wird sich auch hier im kleinen Kosmos zeigen. Eine Aufnahme des gewohnten Spielbetriebs wäre finanziell nur denkbar, wenn es ein hohes Maß an Sicherheit gibt, dass es am Ende des Jahres dann auch zur Aufführung kommt. Andernfalls muss ein komplett neues Konzept geschaffen werden was Ensemblegröße, Proben und Organisation betrifft. Wie so etwas aussehen könnte, wage ich mir im Moment noch nicht auszumalen.

Sehen Sie ähnliche Herausforderungen für andere Amateurensembles in Münster?

Budweg: Gerade für kleinere Ensembles mit geringen finanziellen Mitteln könnte die Corona-Krise das Todesurteil sein. Jetzt kommt es darauf an, wie die Stadt Münster mit Kulturpolitik umgeht. Sonst bin ich mir sicher, dass das kulturelle Farbspektrum in dieser Stadt in drei oder vier Jahren deutlich schmaler ausfallen wird.

Um das Bestehen des etablierten Amateurensembles zu sichern, ist das FME auf Unterstützung, sowohl in Form von Spenden (über Paypal unter spenden@fme-ms.de), als auch neuen Interessenten für das Projekt 2021 angewiesen. Weitere Infos dazu bietet die Website des Ensembles:

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