Ensemble Consord am Hawerkamp
Tschingderassabum und Plüschdelfin

Münster -

Marschmusik? Da denkt man zuerst an Uniformen, Schützenbrüder und Tschingderassabum. Und dann – wenn überhaupt – an Beethoven. Dessen Musik verortet man in seinem Jubiläumsjahr eher im H1 oder auf der Theaterbühne als im etwas abgetakelten Saal B am Hawerkamp, in den sich Klassikfreunde höchst selten verirren. Aber in ebendiesem Industrieambiente fand am Sonntag ein unerwartet überspanntes Konzertereignis statt, zu dem das Ensemble Consord und Schüler der Musikschule Hamm eingeladen hatten.

Montag, 21.09.2020, 17:47 Uhr
„Marsch ab!“ lautete die titelgebende Tageslosung, mit der das Ensemble Consord in der Titanickhalle zeitgenössische Musik präsentierte.
„Marsch ab!“ lautete die titelgebende Tageslosung, mit der das Ensemble Consord in der Titanickhalle zeitgenössische Musik präsentierte. Foto: Hans Lüttmann

Marschmusik? Da denkt man zuerst an Uniformen, Schützenbrüder und Tschingderassabum. Und dann – wenn überhaupt – an Beethoven. Dessen Musik verortet man in seinem Jubiläumsjahr eher im H1 oder auf der Theaterbühne als im etwas abgetakelten Saal B am Hawerkamp, in den sich Klassikfreunde höchst selten verirren. Aber in ebendiesem Industrieambiente fand am Sonntag ein unerwartet überspanntes Konzertereignis statt, zu dem das Ensemble Consord und Schüler der Musikschule Hamm eingeladen hatten.

„Marsch ab!“ lautete die titelgebende Tageslosung des Programms, das mit Kunsu Shims Performance „Happy for no reason“ eröffnet wurde. Scheppernde Blecheimer, Klebestreifen, über die Bühne gezogenes Flatterband und um die Ecke musizierte Klangschnipsel beantworteten die Zuhörer zunächst mit hochgezogenen Augenbrauen und ratloser Stille, bevor mit Beethovens beinahe lieblich daherschreitendem „Grenadiermarsch“ ein erstes Aufatmen durch die Stuhlreihen wehte.

Im Wechsel mit „Polonaise“, „Zapfenstreich“ und „Eccossaise für Militärmusik“ des Jubilars dröhnten, schepperten und tröteten Mauricio Kagels „Zehn Märsche um den Sieg zu verfehlen“, die zunächst vertraut beginnen, sich aber schon bald in wohltuend hoffnungslosem Durcheinander verlieren. Die größte Herausforderung dieser musikalisch-pazifistischen Satiren findet sich in Kagels Anweisung, wonach das Ensemble verstimmt klingen soll. Wiewohl komplex und metrisch vertrackt, blasen Kagels Antimärsche den Zuhörern dennoch auf sehr unterhaltsamem Niveau Fragen nach der Sinnhaftigkeit von Gleichschritt und militärischer Gewalt in die Ohren.

Auf dem Weg zum Konzert-Finale verließen etliche Musiker nach und nach die Bühne, die sie den verbleibenden elf Mitspielern für etwas zu lang geratene szenische Abstrusitäten überließen. „Drei Zehn“ heißt die skurrile Performance des gefeierten Komponisten Gerhard Stäbler, der oft die ausgetretenen Pfade der Konvention verlässt. In einem Strudel witzig-absurder Aktionen und kakophonischer Musizierversuche hantieren die Darsteller mit Tischtennisschläger und Plüschdelfin, mit Ananas und Goldfolie, Regenschirm – und einem linken Schuh.

Dann endlich durften sich die Musiker für den Applaus bedanken, den ein marschmusikalisch überraschtes, letztlich aber nicht überfordertes Publikum reichlich spendete.

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