Bodytalk betätigt sich im Pumpenhaus als „Bilderzerstörer“
Das Wappentier wird zerfetzt

Münster -

Bilder sind es, die unser Leben bestimmen. Will man wissen, was sich hinter ihnen verbirgt, muss man sie zerstören. So in etwa steht es im Programm zu „Bilderzerstörer“, der neuen Produktion von Bodytalk mit dem polnischen Teatr Rozbark, die am Wochenende im Pumpenhaus Premiere feierte. Getanzte Ideologiekritik also – dass sie sowas können, haben Yoshiko Waki und Rolf Baumgart von Bodytalk schon öfter bewiesen. Und auch hier gehen sie wieder lautstark, grellbunt und mit unbändiger Dynamik zu Werk.

Montag, 21.09.2020, 17:47 Uhr
Bodytalk stellte im Pumpenhaus seine Produktion „Bilderzerstörer“ vor.
Bodytalk stellte im Pumpenhaus seine Produktion „Bilderzerstörer“ vor. Foto: Klaus Dilger

Bilder sind es, die unser Leben bestimmen. Will man wissen, was sich hinter ihnen verbirgt, muss man sie zerstören. So in etwa steht es im Programm zu „Bilderzerstörer“, der neuen Produktion von Bodytalk mit dem polnischen Teatr Rozbark, die am Wochenende im Pumpenhaus Premiere feierte. Getanzte Ideologiekritik also – dass sie sowas können, haben Yoshiko Waki und Rolf Baumgart von Bodytalk schon öfter bewiesen. Und auch hier gehen sie wieder lautstark, grellbunt und mit unbändiger Dynamik zu Werk.

Nach einem locker getanzten Intro, das immer rauer wird, strichelt ein Tänzer einen Adler auf eine Papierwand, die von seinen Kolleginnen und Kollegen gehalten wird. Es ist das klassische Wappentier, mit dem Regierungen ihren Herrschaftsanspruch zum Ausdruck bringen. Hier wird es förmlich zerfetzt und in menschliche Papierknäuel verwandelt, die wie böse Geister über die Bühne wanken, während ein Tänzer verzweifelt nach Hamlet schreit und die ganze Szene in eine schrille Operntravestie treibt, bei der sich die Protagonisten gegenseitig mit Klopapier auspeitschen.

Auch ein Blumenstrauß, der im After eines Tänzers seine Vase findet, ein Shakespeare-Sonett, das ein Transvestit im Kurt-Weill-Stil zum Vortrag bringt, und eine weißberockte Ballerina, die sich wie eine Barockfigur auf einem Tisch dreht, spielen in dem hochtourig dargeboten Happening eine Rolle.

Welche Rolle genau, das muss der Zuschauer schon selber herausfinden. Und er tut gut daran, sich dabei nicht auf seine Ratio zu verlassen, sondern seine Sinne und sein Assoziationsvermögen zu benutzen. Denn die bekommen hier mehr als genug geboten, mit dem sie arbeiten können.

Dass Bodytalk bei der Wahl seiner ästhetischen Mittel nicht zimperlich ist, weiß der Kenner dieser Formation. Nach einer kurzen Corona-Einlage mit taumelndem Engtanz wie auf Öl, einem Pas de deux mit dem Yeti und einer Umdichtung der „Opus“-Hymne „Live is Life“ in „Fleisch ist Fleisch“ führt das Ensemble geschlachtete Hähnchen auf die Bühne, die wie Babys in Windeln gewickelt sind, und tanzt mit ihnen in ein walzerseliges Finale hinein.

Gemäß dem Philosophen Jürgen Habermas bedingen moderne Medien sowohl einen Realitätsgewinn als auch einen Realitätsverlust, und in diesen Zwischenbereich will das Tanz-Theater-Ensemble sein Publikum mitnehmen. Das steht auch im Programm. Und es ist bestens gelungen.

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