Der zweite Teil der münsterschen „Figaro“-Aufführung
Komponist in Kurzarbeit

Münster -

Zwei Tage nach dem ersten und zweiten Akt von „Figaros Hochzeit“ folgte der zweite Teil des Werkes im Theater Münster. Unter Coronabedingungen in knapp gefassten Auszügen.

Montag, 28.09.2020, 14:58 Uhr
Susanna (Marielle Murphy) schaut ein bisschen skeptisch zu ihrem aufbrausenden Verlobten Figaro (Gregor Dalal).
Susanna (Marielle Murphy) schaut ein bisschen skeptisch zu ihrem aufbrausenden Verlobten Figaro (Gregor Dalal). Foto: Oliver Berg

Wer hätte es für möglich gehalten, dass selbst Mozart von coronabedingter Kurzarbeit getroffen würde? Am Sonntag nämlich, als der überaus freundliche Applaus nach dem zweiten „Figaro“-Abend langsam abebbte, war gerade mal eine Stunde vergangen. Eine Stunde für den dritten und vierten Akt von Mozarts große Oper: Ist das denn möglich?

Der selige Herbert von Karajan hatte es vorgemacht vor fast 70 Jahren in Wien: Für eine Schallplattenaufnahme spulte er die zweite Hälfte der Mozart-Oper in weniger als einer Stunde ab. Er verzichtete dazu auf den Sprechgesang der Rezitative, präsentierte aber die mit Orchester komponierten Teile. Vielleicht hätte das Theater Münster bei seiner ersten Premiere der neuen Saison ähnlich verfahren sollen, um den Hygiene-Vorgaben einer 70-minütigen Aufführung zu entsprechen. Doch wie schon im ersten Teil am Freitag fügte es in die Aufführung der Auszüge umfangreiche Textbeiträge zum Inhalt der Oper ein – und verzichtete dafür auf manche Teile von Mozarts Musik.

Was vor allem am Sonntag zu viel des gut Gemeinten war. So wurde der dritte Akt ziemlich gebeutelt, um den vierten möglichst umfangreich präsentieren zu können – an sich verständlich. Doch das Publikum musste dafür nicht nur etwa auf zwei hübsche Duette verzichten – na gut –, sondern auch auf die große zweite Arie der Gräfin, die als musikalisches Glanzstück zugleich das schwierige Verhältnis von Graf und Gräfin beleuchtet. Mit etwas längerer Aufführungszeit und etwas weniger Zwischentext hätte man „gewaltig viele Noten“ (wie Kaiser Joseph II. zu einer anderen Mozart-Oper sagte) retten können.

Gregor Dalal in der Titelrolle kam (neben Cherubino am ersten Abend) noch am besten dabei weg und durfte auch seine große Arie im vierten Akt singen – wuchtig und locker über das Orchester tönend. Filippo Bettoschi hat für den Grafen einen vergleichsweise feinen Bariton, was ihm im dritten Akt etwas Anstrengung aufnötigt, ihn aber auch in die Lage versetzt, den Final-Einsatz „Contessa perdono!“ in schön gerundeten Phrasen zu singen. „Gräfin“ Kristi Anna Isene musste sich mit der ersten, klangvoll gestalteten Arie am Freitag begnügen, während „Susanna“ Marielle Murphy in ihrer Rosen-Arie zeigen durfte, dass sie, bei etwas zum Flackern neigendem Vibrato, nicht nur über die bekannt leuchtende Höhe verfügt, sondern auch die gefürchteten tiefen Töne Mozarts fabelhaft einbindet. Suzanne McLeod und Kathrin Filip in den kleinen Frauenrollen ergänzten das En­semble gut, Christoph Stegemann und Mark Watson Williams ebenfalls.

Insgesamt führte die besondere Version der Oper dazu, dass die Komödien-Turbulenzen einen deutlich höheren Stellenwert erhielten als die intensiven Gefühle – was sich auch beim Sinfonieorchester Münster unter Golo Berg zeigte, das selbst in der Mondscheinstimmung des Schlussakts eher flott daherkam.

Weitere Termine (jeweils freitags um 19.30 und sonntags um 18 Uhr): 2./4. Oktober, 23./25. Oktober, 4./6. Dezember

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