Stadtensemble lädt zum „Systemrelevanzierang“ über Kultur
Luxus oder unentbehrlich?

Münster -

Blind Date zum Thema „Wie relevant sind die Künste?“: Das Stadtensemble lädt zum „Systemrelevanziergang“.

Freitag, 23.10.2020, 21:29 Uhr aktualisiert: 28.10.2020, 17:09 Uhr
Carola von Seckendorff (l.) und Cornelia Kupferschmid zeigen, wie‘s geht:
Carola von Seckendorff (l.) und Cornelia Kupferschmid zeigen, wie‘s geht: Foto: PD

Nach der Schockstarre kam das Erschrecken, nach dem Erschrecken die Empörung. Nach dem Corona-Lockdown im März hatte die Politik alle relevanten gesellschaftlich wichtigen Bereiche im Blick. Alle? Nein, über die Lage der Kulturschaffenden wurde quälende Wochen lang geschwiegen. Schlicht vergessen? Oder als nicht relevant angesehen? Nicht relevant fürs System? Münsters umtriebiges und einfallsreiches Stadtensemble macht das Schweigen, das Vergessen zum Thema einer ungewöhnlichen Aktion: „Systemrelevanziergang“.

Carola von Seckendorff und Cornelia Kupferschmid laden jedermann ein, ein Mitglied des Stadtensembles zu treffen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang soll die Frage im Mittelpunkt stehen: „Wozu braucht es die Künste?“ Wer interessiert und neugierig ist, kann sich auf eine Art Blind Date einlassen: 17 Spaziergänger des Stadtensemble stehen für einen Spaziergang zur Verfügung. Wer sich in ein Kontaktformular einträgt und eine Summe („pay what you can“) auf das Stadtensemble-Konto überweist, dem teilt Carola von Seckendorff, die sich das Format ausgedacht hat, den Ort des Treffens und gegebenenfalls weitere Informationen mit. Der Name des Künstlers wird nicht mitgeteilt; der gibt sich am vereinbarten Ort im Zweifelsfall durch Wedeln mit dem Flyer zu erkennen. Die Spendensumme wird am Ende der Aktion im Februar 2021 auf alle Künstler verteilt.

Spannend wird es sein, wie sich die münsterischen Künstler von der Bühne und die Zuschauer in dieser Eins-zu-Eins-Begegnung austauschen. Wie hat Lyrik mein Leben gerettet? Was war mein schönstes Theatererlebnis? Warum ist Kultur wichtig für mich? Für die Gesellschaft? Für die Welt? Bei körperlicher und geistiger Bewegung an frischer Luft soll gemeinsam im Rahmen dieses auf eine Stunde begrenzten Treffens ein Fortbestehen der Künste und deren Legitimation erhellt werden. Zum Ende eines jeden Spaziergangs wird ein Fazit gezogen. Dieses Resümee, dieses Statement, diese Dokumentation soll auf der Website als Video, Audio oder als Schriftstück veröffentlicht werden. Im besten Fall ergibt sich daraus ein überzeugendes und beredtes Bild, warum die Künste das in Sonntagsreden vielbeschworene „Lebensmittel“ (Kulturstaatsministerin Monika Grütters) sind.

Von Seckendorff zitiert dazu Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin): „Theater ist wahrscheinlich die sozialste aller Kunstformen. Die sich ihm anvertrauen, ob im Publikum oder auf der Bühne, machen Erfahrungen, die nicht übereinstimmen, aber gemeinsame sind, in einem gemeinsamen Raum. Daraus entsteht – vielleicht – ein Gespräch, eine Begegnung. Diesen Möglichkeitsraum hat die gegenwärtige Corona-Krise verschlossen. Sie hat den Anderen, jeden Anderen, zum potenziell Verdächtigen werden lassen. Social distancing ist nur ein anderes Wort für grundsätzliches Misstrauen. So berechtigt dies derzeit sein mag: Wenn es nach der Krise darum gehen wird, das Gespräch wieder zu beginnen, Begegnungen zu üben, wird das Theater unverzichtbarer sein denn je.“

Systemrelevanziergänge werden ab dem 6. November angeboten. Infos online

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