Ausstellung der Friedrich-Hundt-Gesellschaft im Stadtmuseum
Anna Reschucha: Kann Spuren von Gedanken zeigen

Münster -

Was geschieht hinter dem Stirnbein, was unter der Schädelkalotte? Ein Himmelreich für die Gedanken anderer. Indes: Man kann Menschen nur vor den Kopf gucken. Was aber macht der Kopf, wenn er denkt? Anna Reschucha hat die Frage wörtlich genommen.

Samstag, 31.10.2020, 10:56 Uhr aktualisiert: 31.10.2020, 11:00 Uhr
Anna Reschucha hat aufgezeichnet, wie sich ihr Kopf bewegt, wenn sich ihre Gedanken regen.
Anna Reschucha hat aufgezeichnet, wie sich ihr Kopf bewegt, wenn sich ihre Gedanken regen. Foto: Gerhard H. Kock

Was geschieht hinter dem Stirnbein, was unter der Schädelkalotte? Ein Himmelreich für die Gedanken anderer. Indes: Man kann Menschen nur vor den Kopf gucken. Was aber macht der Kopf, wenn er denkt? Anna Reschucha hat die Frage wörtlich genommen, ergründet also nicht die geistigen oder neuronalen Vorgänge, sondern beobachtet den Ort des Denkens: den Schädel.

Die Fotografin Reschucha hat sich folgende Versuchsanordnung ausgedacht: Die Dortmunderin begibt sich in einen abgedunkelten Raum, am Kopf hat sie sich eine Stirnlampe befestigt: Dann denkt sie nach. Und zeichnet die Körperbewegungen ihres Kopfes fotografisch auf. Die Ergebnisse präsentiert die Absolventin der Folkwang Universität der Künste und der Fachhochschule Dortmund im Stadtmuseum beim „Schaufenster Fotografie“ der Friedrich-Hundt-Gesellschaft.

Friedrich-Hundt-Gesellschaft zeigt Anna Reschucha

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  • Anna Reschucha zeigt im Rahmen von „Schaufenster Fotografie“ der Friedrich-Hundt-Gesellschaft im Stadtmuseum „Denkfiguren."

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Anna Reschucha zeigt im Rahmen von „Schaufenster Fotografie“ der Friedrich-Hundt-Gesellschaft im Stadtmuseum „Denkfiguren."

    Foto: Gerhard H. Kock
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    Foto: Gerhard H. Kock
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    Foto: Gerhard H. Kock
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    Foto: Gerhard H. Kock
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    Foto: Gerhard H. Kock
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    Foto: Gerhard H. Kock

Auf zwei Tafeln sind sämtliche Versuche sortiert – nach Denklänge zum Bespiel: Die Denkzeit der Fotografin betrug zwischen fünf Sekunden und acht Minuten. Was ebenfalls absurd ist. Und die Frage aufwirft, wie stellt man fest, dass man zu denken beginnt oder es beendet. Auf tiefdunklem Schwarz sind wirre, leuchtende Linien zu sehen. Und der Betrachter ist ratlos. Was hat die Künstlerin wohl gedacht bei diesem Lichtpunkt, was bei jener Lichterkette. Das ist natürlich ebenso unmöglich wie sinnlos, doch zugleich amüsant anregend.

Der umtriebige Geist ist neugierig

Denn die Notation der körperlichen Bewegung geistigen Ursprungs in größter Nähe am Ort des Geschehens stimuliert eben das eigene Denken. Der umtriebige Geist ist neugierig, will Sinn erkennen. Oft sind wiegende Linien zu sehen: Ist das schon Grübeln? Ist der kurze Streif ein Geistesblitz? Es gibt Versuche der Künstlerin, nicht zu denken . . . Der Betrachter indes darf und soll seiner Fantasie freien Lauf lassen: Welche Spur hinterlässt der Gedanke an den nächsten Kaffee, und unterscheidet sich jener vom Sinnieren über Kant oder Kafka. Gibt es überhaupt einen Bewegungsunterschied zwischen philosophischen Spekulationen und Überlegungen, ob noch Bananen im Kühlschrank sind?

Das Erkennenwollen von bekannten Strukturen und Figuren, die Pareidolie, findet auch hier reichlich Futter: Ein Rorschach-Formdeutungsversuch (Tintenkleckstest) könnte sich ebenfalls lohnen. Vielleicht können Astronomen in den Lichtspuren sogar den Verlauf galaktischer Sternenbewegungen erkennen. Und Star-Trek-Freunde vermögen die Erscheinungen als klingonische Raumschiffe deuten.

Künstlerisch raffiniert, menschlich humorvoll

Die Fotografien von Anna Reschucha sind methodisch wissenschaftlich, künstlerisch raffiniert, menschlich humorvoll. Und letztlich illusionär. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass gleich welches Verhalten Kopf und Körper zeigen: Was gedacht wird und ob überhaupt, bleibt unergründlich.

Die Ausstellung „Denkfiguren“ wird vom 1. bis zum 6. Dezember im Stadtmuseum an der Salzstraße zu sehen sein.

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