Das Wolfgang-Borchert-Theater im Lockdown: Gespräch mit Intendant Meinhard Zanger
Generalprobe für bessere Zeiten

Münster -

Die Theater dürfen im Lockdown proben, aber nicht spielen. Intendant Meinhard Zanger erzählt, wie das Wolfgang-Borchert-Theater mit dieser Situation umgeht.

Sonntag, 29.11.2020, 16:06 Uhr
Im Wolfgang-Borchert-Theater spielen Ivana Langmajer und Markus Hennes das Stück „Heilig Abend“. Die Szene aus der Generalprobe zeigt, dass es auch hier emotionaler zugehen wird als in der Fernsehfassung, die heute um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen ist.
Im Wolfgang-Borchert-Theater spielen Ivana Langmajer und Markus Hennes das Stück „Heilig Abend“. Die Szene aus der Generalprobe zeigt, dass es auch hier emotionaler zugehen wird als in der Fernsehfassung, die heute um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen ist. Foto: Klaus Lefebvre

Seine zweite Saisonpremiere, das Schirach-Stück „Gott“, konnte Münsters Wolfgang-Borchert-Theater noch herausbringen, dann folgte der November-Lockdown. Über die jetzt erarbeitete Inszenierung des Stücks „Heilig Abend“ von Daniel Kehlmann, die bis zur Generalprobe gedieh, und über die Lage des Theaters sprachen wir mit Intendant Meinhard Zanger .

Guten Tag, Herr Zanger. Sie blicken gerade auf eine Generalprobe zurück, aber es gibt zunächst keine Premiere. Haben Sie so was schon mal erlebt?

Meinhard Zanger: Naja, das erste Mal war das im April bei „Momentum“ so: Wir hatten das Stück premierenfertig probiert, aber erst im Juni gab es die Premiere. Jetzt, mit „Heilig Abend“, ist es nicht anders, die Generalprobe war am Freitag, aber wir dürfen nicht spielen. Von uns aus haben wir vorerst den Spielbetrieb bis zum 3. Januar ausgesetzt, weil wir nicht davon ausgehen, dass Zuschauer an Weihnachten und Silvester ins Theater gehen wollen, wenn sie es nach dem 20. Dezember könnten, sondern ihre Familien treffen möchten.

Wie wird denn derzeit am Theater gearbeitet?

Zanger: Im Moment produzieren wir auf Halde. Parallel zu meiner Inszenierung probt Tanja Weidner „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, das eigentlich am 11. Dezember herauskommen sollte. Die Stücke werden bis zur Generalprobe fertig erarbeitet. Zudem inszeniert unser Schauspieler Florian Bender Bodo Wartkes „Antigone“ – von ihm hatten wir ja schon „Ödipus“ in unserem Theater. Die Schauspieler, die bekanntlich gerade nicht auftreten können, wollen natürlich auch etwas erarbeiten, so dass wir jetzt eine zusätzliche Premiere eingeplant haben: Das Stück soll im März herauskommen. Auch die anderen Leute im Theater arbeiten fleißig. Zum Teil haben wir Kurzarbeit, wir sind mit dem Rückabwickeln der Kartenkäufe beschäftigt, in den Werkstätten wird abseits des Spielbetriebs mehr als sonst gearbeitet: Die italienische Regisseurin Luisa Guarro beginnt ja am 14. Dezember mit den Proben für den „Sandmann“. Das Haus arbeitet, so weit es eben geht. Und weil das Stück „Frauensache“ wegen des Bühnenunfalls von Monika Hess-Zanger verschoben werden musste, haben wir also fünf Stücke auf Halde.

Sie mussten im Sommer Ihre Pläne schon ändern, jetzt ist vieles wieder Makulatur. Wie gehen Sie mit diesen Unsicherheiten um?

Zanger: Wir müssen komplett auf Sicht fahren, nach der Konferenz der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten ist für die Kultur nach wie vor ein On-Off-Modus angesagt. Wir gehen nicht davon aus, dass wir im Januar spielen werden, und haben die Disposition für Januar und Februar auf Eis gelegt. Deshalb haben wir für uns selbst erst mal bis zum 3. Januar geplant.

„Dieses Auf und Zu ist der Killer“, zitiert die Süddeutsche einen Theaterbetreiber. Vermutlich sehen Sie das ähnlich. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Zanger: Das ist wirklich so, einige Staatstheater haben schon bis zum 31. Januar ihre Schließzeit verlängert. Gerade Mehrspartenhäuser mit der Oper brauchen einen längeren Vorlauf. Wenn die Lockerung um Weihnachten stattgefunden hat, wird sich an den Zahlen ja zeigen, wie es im Januar weitergeht. Münster ist ja momentan sogar Tabellenführer der Nicht-Infektion. Eine neue Schutzverordnung des Landes erwarten wir in den nächsten Tagen.

Wie fühlt sich denn unter solchen Umständen das Proben an?

Zanger: Die Probensituation ist nicht das Problem, da vergessen Sie die Realität. Es geht um die künstlerische Arbeit und die technischen Abläufe, um das Bühnenbild ... Erst wenn die Premiere kommt, wäre es schön, wenn auch Zuschauer kämen: Es ist ja langweilig für die Schauspieler, immer nur vor dem Regisseur zu spielen (lacht). Und dann verbessert der auch immer noch!

Und wie ist die finanzielle Situation? Bei unserem letzten Gespräch verwiesen Sie ja noch auf Unterstützer und Mäzene.

Zanger: Dafür sind wir extrem dankbar. Wir haben zudem Kurzarbeitergeld bekommen, wir waren am Programm Neustart für Infrastruktur beteiligt und haben damit das Theater fit fürs Homeoffice gemacht. Allerdings geht das bei Werkstatt und Schauspielern nur zum Teil. Anträge bei der Stadt und beim Land NRW für die Hilfsfonds sind gestellt, insofern überleben wir das jetzt – wissen aber nicht, wie es im nächsten Jahr wird.

Hilft es Ihnen, dass die Kultur jetzt nicht mehr mit Unterhaltung und Freizeitaktivitäten gleichgesetzt wird?

Zanger: Ich habe mich nicht so sehr darüber aufgeregt, denn auch der Museums- oder Theaterbesuch ist eine Aktivität in der Freizeit. Aber es hängen eben auch viele Arbeitsplätze dran, betrifft viele Existenzen. Und natürlich ist die Kultur mehr als bloße Freizeitaktivität. Es geht hier nicht um Extrawürste, wie es die Kulturministerin des Landes so daneben formulierte. Es geht ums Überleben.

Wäre irgendein Online-Angebot eigentlich eine Option für Sie?

Zanger: Ich kann verstehen, wenn ein Stadttheater solche Pläne hat, das verfügt auch über andere Mittel. Zwischenzeitlich habe ich aber auch Formate im Netz gesehen, die mich eher abgeschreckt haben. Immerhin hat ja der WDR unser Stück „Der König lacht“ wunderbar online präsentiert. Aber ersetzen lässt sich das Theater dadurch nicht: Unser Alleinstellungsmerkmal ist ja die soziale Begegnung in der Aufführung, das gemeinsame Erleben, der unwiederbringliche Moment.

Was uns direkt zu einem Phänomen führt: Ist es Zufall, dass Sie gerade mit zwei Stücken, nämlich „Gott“ und „Heilig Abend“, das im Fernsehen unter dem Titel „Das Verhör in der Nacht“ läuft, in Konkurrenz – oder gedeihlicher Alternative – zum Fernsehprogramm stehen?

Zanger: „Das Verhör“ will ich mir noch in der Mediathek ansehen. Bei „Gott“ haben sie fürs Fernsehen eine halbe Stunde rausgestrichen: Beides sind ja ursprünglich Theaterstücke. Wir wussten vorher nicht, dass sie bearbeitet werden, aber so was kann man sich vorher hochrechnen, ähnlich wie bei Ferdinand von Schirachs „Terror“. Natürlich haben auch die Verlage Interesse an solchen Doppel-Verwertungen. Im Falle von „Gott“ ist es besonders schade, dass es jetzt nicht gespielt werden kann, weil die Corona-Pandemie die notwendige Debatte um die Sterbehilfe zudeckt: Der 26. Februar ist ja der Stichtag für die Gesetzgebung der Bundesregierung, da läuft die Frist ab, die das Bundesverfassungsgericht gesetzt hat. Übrigens hat uns eine Zuschauerin geschrieben, nachdem sie die Fernsehfassung gesehen hat, dass die Debatte im Theater viel emotionaler geführt wird.

Fast schon Tradition, dass wir am Ende unserer Gespräche kurz zum Thema „Tatort“ wechseln. Was sagen Sie zum Fünfzigjährigen?

Zanger: Natürlich habe ich vor einer Woche den letzten „Tatort“ mit Ulrich Tukur gesehen: Toll, wie er diese Doppelrolle gespielt hat, und super am Buch fand ich, dass keine Diskussion darüber aufkam, Murot existiere nicht mehr. Und besonders schön der Einfall, ihn bei der eigenen Beerdigung zuschauen zu lassen und die Trauergäste zu beobachten: Wer kann das schon?

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