Trauer und Erinnerung an Corona-Opfer
Brauchen wir einen neuen Gedenktag?

Münster/Bonn -

Täglich bedrücken uns die neuen Meldungen über Corona-Infektionen und Todesopfer. Theologen und Ethiker mahnen, die vielen Schicksale der Menschen und ihrer Familien nicht zu vergessen. Sie fordern eine zentrale Gedenkfeier für die Toten oder auch einen nationalen Gedenktag. Die Debatte darüber nimmt Fahrt auf.

Montag, 18.01.2021, 16:38 Uhr aktualisiert: 18.01.2021, 17:24 Uhr
Am ersten Sonntag im Juli zieht die Große Prozession durch Münster. Sie geht auf das Jahr 1382 zurück, als in Münster über 8000 Personen an der Pest starben und ein Großbrand weite Stadtgebiete verwüstete. Ethiker und Theologen mahnen Gedenkfeiern oder sogar einen nationalen Gedenktag für die vielen Tausend Corona-Toten an. Bischof Felix Genn regte schon vor Wochen an, die Große Prozession 2021 im Sinne des Gedenkens an die Pandemie-Opfer zu begehen.
Am ersten Sonntag im Juli zieht die Große Prozession durch Münster. Sie geht auf das Jahr 1382 zurück, als in Münster über 8000 Personen an der Pest starben und ein Großbrand weite Stadtgebiete verwüstete. Ethiker und Theologen mahnen Gedenkfeiern oder sogar einen nationalen Gedenktag für die vielen Tausend Corona-Toten an. Bischof Felix Genn regte schon vor Wochen an, die Große Prozession 2021 im Sinne des Gedenkens an die Pandemie-Opfer zu begehen. Foto: Oliver Werner

Täglich bedrücken uns die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Bis zu 30.000 neue Infektionen waren es zuletzt auf dem Höhepunkt der zweiten Welle und rund 1000 Opfer jeden Tag, die „an oder in Verbindung mit Covid 19“ gestorben sind. Bei einem größeren Unfall, einem Flugzeugabsturz oder einem Terroranschlag mit Todesopfern befände sich das Land im emotionalen Ausnahmezustand. Die täglichen Pandemie-Toten scheinen „nur“ Zahlen zu bleiben. Ethiker und Theologen fragen: Brauchen wir für die Corona-Toten nicht einen neuen nationalen Gedenktag?

Michel Houellebecq ist nicht für Zimperlichkeit bekannt. Angesichts des Umgangs mit den Corona-Toten fand der französische Autor scharfe Worte. Noch nie sei in einer solch „gelassenen Schamlosigkeit“ zum Ausdruck gebracht worden, dass das Leben aller Menschen offenbar nicht gleichwertig sei, erklärte er. Zuvor war über den Sinn einer Behandlung von hochbetagten Patienten debattiert worden, über Triage, also die Entscheidung, wer bei knappen Ressourcen eine intensivmedizinische Behandlung oder ein Beatmungsgerät erhält, und über die kaum vorhandene öffentliche Trauer über die Pandemie-Opfer.

Steinmeier hat Trauerfeier für Corona-Tote angeregt

Berichte von Intensivmedizinern und Pflegekräften liest man mit Grauen. Der Tod durch das Virus ist qualvoll, mit Luftnot, begleitet nur von Fremden in Schutzkleidung. Dass viele Menschen diese Vorstellung von sich fernhalten wollen, sei verständlich, sagt der aus Münster stammende Erfurter Liturgiewissenschaftler Prof. Dr. Benedikt Kranemann . „Zugleich müssen wir unsere Sensibilität bewahren, zumal dieses Leid in unserer nächsten Umgebung stattfindet.“

In der Öffentlichkeit werde das Sterben jedoch häufig auf die reinen Fallzahlen reduziert, beklagte kürzlich die evangelische Regionalbischöfin Petra Bahr. Dies sei zu abstrakt, um es als individuelles Sterben zu begreifen, sagte sie im Deutschlandfunk. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx erklärte, dass häufig erst an einer persönlichen Lebensgeschichte oder einem Todesfall im eigenen Umfeld erfahrbar werde, „dass es hier wirklich um Leben und Tod geht, um persönliche Schicksale, um Hoffen und Bangen, Sehnsucht und Angst“. Münsters Bischof Dr. Felix Genn sagte noch vor wenigen Wochen im Interview mit unserer Zeitung: „Wenn ich die Zahl der vielen Toten sehe, dann geht mir dieses zuerst durch den Kopf: Hüten wir uns vor der Gleichgültigkeit! Hinter den Zahlen stehen Menschen mit Familien und Schicksalen.“

Bereits im September hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Trauerfeier für die Corona-Toten angeregt. Die Deutsche Bischofskonferenz schlug einen nationalen Gedenktag für die Corona-Opfer vor; als Zeichen des Gedenkens, aber auch der Zuversicht, „dass wir die Pandemie und andere Krisen mit vereinten Kräften überwinden können“, so der Vorsitzende Georg Bätzing.

Nach der Pandemie eine Form des Gedenkens finden

Schon im Juli feierte der Bischof von Bergamo, Francesco Beschi, eine Bergmesse für die Corona-Opfer. Die norditalienische Provinz hatte im Frühjahr einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Menschen verzeichnet, die an der Erkrankung starben. Momente des Erinnerns finden bislang vor allem im Kleinen statt. Der „Tagesspiegel“ sammelt Por­träts Verstorbener auf einer eigenen Online-Gedenkseite. Vor dem Wiener Stephansdom erinnerte zum Jahreswechsel ein Kerzenmeer an die Toten, im Münster von Schwäbisch Gmünd sind es 13.000 Holznägel, in Holz geschlagen. „Was fehlt, ist eine große, zentrale Trauerfeier, etwa in einer großen Domkirche“, meint Benedikt Kranemann. Solche Gedenkakte hatte es bislang nach Terroranschlägen oder Katastrophen stets gegeben.

Schwierig an einer solchen Veranstaltung sei der Zeitpunkt, sagt der Wissenschaftler. „Ein einzelnes Ereignis ist irgendwann abgeschlossen, dann beginnt die Trauerarbeit. Die Corona-Krise läuft dagegen weiter – eine Katastrophe, die kein Ende findet.“ Nach der Pandemie müssten Politik und Gesellschaft jedoch eine Form des Gedenkens finden, betont Kranemann. „Gedenken muss man der Toten“ – und denken solle man zudem an jene, die die Krankheit überlebt hätten, aber von ihr gezeichnet seien, oder andere, die durch die Krise in existenzielle Not geraten seien. „Die Formen des Leids durch Corona sind vielfältig.“

Gedenktag als Symbol der Anerkennung 

Dieses Thema betreffe nicht nur den Einzelnen, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Auch wenn die Bindung an Institutionen wie die Kirchen nachgelassen habe, seien sie auf diesem Gebiet gefragt, fügt der Experte hinzu: „Die Situation ist erschreckend, und sie ist außergewöhnlich. An die Herausforderungen durch den Tod und die Würde der Toten zu erinnern – das ist Aufgabe von Christen.“

Felix Genn sagte im Interview: „Das Ende der Pandemie wird auch kirchlicherseits Kreativität und Fantasie freisetzen. Vielleicht könnte die Große Prozession im Juli schon eine große Dank- und Bittprozession sein!“

Vielleicht kommt ja auch ein ganz neuer Gedenktag in den Blick. Vor vielen Jahren wurde der Buß- und Bettag als staatlicher und arbeitsfreier Feiertag als Ausgleich für den Arbeitgeberanteil an der Pflegeversicherung abgeschafft. Es könnte ein starkes Symbol sein, ihn nun im Gedenken an die Corona-Opfer und als Symbol der Anerkennung für die vorbildlich gegen die Pandemie ankämpfenden Menschen in medizinischen und pflegerischen Berufen neu zum Leben zu erwecken.

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