Seit 15 Jahren betreibt der Künstler Stephan Us sein „Archiv“
Zukunft des Nichts ist gesichert

Münster -

Nichts ist Zufall? Davon geht der Verstand aus, sonst würde jener ihn um sich selbst bringen. Und doch sind bei folgendem „irrwitzigem Zufall“ weder Intention noch Kons­truktion noch irgendeine Kausalität bekannt. Eine Fügung . . .

Mittwoch, 20.01.2021, 11:13 Uhr aktualisiert: 22.01.2021, 19:36 Uhr
„Archiv des Nichts“ 
„Archiv des Nichts“  Foto: Us

Nichts ist Zufall? Davon geht der Verstand aus, sonst würde jener ihn um sich selbst bringen. Und doch sind bei folgendem „irrwitzigem Zufall“ weder Intention noch Kons­truktion noch irgendeine Kausalität bekannt. Eine Fügung . . .

Am 16. Januar 1966 wird Stephan Us geboren. 2001 beginnt der Künstler, sich mit dem „Nichts“ zu beschäftigen, und hebt 2006 das „Archiv des Nichts“ aus der Taufe – nicht im Geringsten ahnend, was 1973 in den USA geschehen war. Dort hatte der Journalist Harold Pullman Coffin einen „Tag des Nichts“ ins Leben gerufen, den National Nothing Day: am 16. Januar!

Das weltweit einzige „Archiv des Nichts“ steht seit nunmehr 15 Jahren der Öffentlichkeit zur Verfügung und ist das Herzstück der künstlerischen Arbeit von Stephan Us. Das Thema klingt artifiziell und avantgardistisch, hat aber immer wieder konkrete politische und poetische Dimensionen: In der Debatte um den „Hindenburgplatz“ lädt Us 2012 zur „Grundfleck-Legung“, setzt ein Männchen mit blankem Plakat auf einen Betonpoller und fordert die Umbenennung der öffentlichen Fläche in „Der weiße Fleck“ (Sinnbild für prinzipielles Nichtwissen). Jüngst in der Leere der Lockdowns ging der Künstler stempeln – herbstlich fallende Blätter erhielten den Aufdruck „Fall in silence“, auch eine Metapher für die prekäre Lage der Kultur und das verletzende Schweigen in der Politik.

Das „Archiv“ ist mittlerweile in der Welt herumgekommen von Aachen bis Berlin, von Ekenäs (Finnland) über Stettin (Polen) bis hin zu Thessaloniki (Griechenland) und Quebec (Kanada). Mit 250 Beträgen fing es 2006 an, erhielt medial von Anfang an große Aufmerksamkeit. Bis heute treffen fast täglich Anregungen und Einreichungen ein von Chicago bis Vaasa. 3600 Beiträge umfasst das Archiv heute: zirka 2600 Zusendungen per Mail, Briefe, Postkarten oder direkt handschriftlich verfasste Beiträge, wenn das Archiv ausgestellt war, 650 Bücher, 300 Filme, Filmfragmente, Links (Youtube, Vimeo oder Facebook) sowie 80 kleinere Gegenstände, Arbeiten von Künstlern und Objekte wie den Pythagoreischen Becher, der sich schlagartig leert, wenn die Gier zu groß ist. Die wissenschaftlichen Beiträge reichen von Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“ bis zu George Ritzers (McDonaldisierung-These) „Die Globalisierung des Nichts“, die künstlerischen von John Cage bis Yves Klein.

Die älteste Arbeit dokumentiert 37 lebende Schnecken, die Us als Wort ZERO (für Null) auf den Boden gesetzt und fotografiert hat, wie sie sich langsam auseinanderbewegen und jenseits des Bildrandes im Nichts verlieren.

Auch wenn 15 Jahre für den heute 55-jährigen Us eher ein Anfang sind („Das fühlt sich wie ein Pubertätsgeburtstag an.“), hat er sich bereits Gedanken darüber gemacht, wenn er sich einst ins Nichts auflöst. „Ich habe mit meinem Sohn gesprochen, er wird es erben, und er wird es übernehmen.“ Jascha Riesselmann ist derzeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und arbeitet ebenfalls künstlerisch.

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