Das Wolfgang-Borchert-Theater im Lockdown
Warten auf Geld – Proben auf Vorrat

Münster -

Wie sieht es eigentlich während des Lockdowns im Theater aus? Alles dicht, keiner da? Mitnichten! Das Wolfgang-Borchert-Theater gewährt einen Einblick hinter die Kulissen und Meinhard Zanger einen Ausblick auf eine Zeit nach Corona.

Montag, 25.01.2021, 23:10 Uhr
Markus Hennes und Rosana Cleve proben E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ – Premierentermin: nach dem Lockdown . . .
Markus Hennes und Rosana Cleve proben E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ – Premierentermin: nach dem Lockdown . . . Foto: Edina Hojas

Ein bisschen fühlt es sich an wie nachts im Museum: Das Foyer ist dunkel, die Theaterkasse unbesetzt. Keine Besucher, die sich drinnen wärmen. Keine Schauspieler, die hinter der Bühne die letzten Vorkehrungen treffen. Kein Vorhang, der sich später öffnet. Und doch: Es regt sich etwas im Theater. Auf der Bühne steht Markus Hennes. Der Wahnsinn der Figur Nathanael ist ihm bereits ins Gesicht geschrieben. In den Zuschauerrängen: Die italienische Regisseurin Luisa Guarro und Regieassistentin Annika Bade. Guarro, die den Text für E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ eigens anfertigte, ist aus Neapel angereist. Die deutsche Übersetzung stammt von Chefdramaturgin Tanja Weidner.

Wieder und wieder die gleiche Szene. Guarro ist Perfektionistin. Jede Bewegung muss stimmen, jeder Ausdruck die passende Betonung haben, jeder Blick die richtige Intensität. Ihre Anweisungen: eine Mischung aus Italienisch und Englisch. „I comprendo“, gibt Hennes zurück und verwandelt sich sogleich wieder in Nathanael. Um sich bei den Proben zu verständigen, greifen die Beteiligten auch auf Hände und Füße zurück.

Die Einhaltung der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln ist dabei selbstverständlich. Auch wenn dies die Schauspieler vor neue Herausforderungen stellt. „Alle, wirklich alle guten Geschichten drehen sich im Kern um Nähe. Aber die ist uns genommen“, erklärt Hennes. Bei den Proben zu „Der Sandmann“ werden die Schauspieler angehalten, genau aus diesem Hindernis eine Qualität zu machen, ein Spielmittel. „Use the pro­blem“, verkündet die Regisseurin.

Nach „Der König lacht“ ist „Der Sandmann“ bereits das zweite Stück, das Luisa Guarro gemeinsam mit dem Lichtdesigner Paco Summonte am WBT inszeniert. Ihre Version des Literaturklassikers wirkt zeitlos und versprüht trotzdem einen Hauch düsterer Romantik. Und darüber hinaus: eine Ahnung von dem, was wir derzeit so schmerzlich vermissen.

„Dass wir kein Publikum haben, keine Begegnungen, das ist für uns das Schlimmste“, sagt Intendant Meinhard Zanger . Theater sind für den WBT-Chef soziale Orte des gemeinsamen Denkens, Fühlens und Sprechens. Wenn das Publikum fehlt, fehlt die Resonanz. Auch deshalb spricht sich Zanger gegen das Online-Streaming von Theaterstücken aus. „Das ist einfach nicht das gleiche“, konstatiert er.

Seit dem 2. November ist der Vorstellungsbetrieb nun bereits zum zweiten Mal über mehrere Monate ausgesetzt. Allein für das Jahr 2020 verbucht Zanger ein sechsstelliges Defizit. Neben den institutionellen Förderungen von Stadt und Land sollen die Coronahilfen von Bund und Land den privaten Theatern in dieser existenziell bedrohenden Situation helfen. Doch die entsprechenden Hilfen sind oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Außerdem ist die Antragstellung kompliziert, und die Bewilligung dauert sehr lange“, kritisiert Zanger. „Wir warten immer noch auf Gelder von 2020.“ Mit der Coronahilfe der Stadt für Dezember, der Unterstützung durch Mäzen Hendrik Snoek und privaten Spendengeldern hält sich das WBT derzeit über Wasser. „Bis zum Sommer können wir so noch durchhalten – sollten die Hilfen von Bund und Land fließen“, prognostiziert er.

Mit der Wiederaufnahme eines reduzierten Spielbetriebs rechnet Zanger frühestens ab Ende März. „Aber dann können sich die Zuschauer auf einen Premiere-Reigen freuen“, verspricht er. Sieben Stücke hat das WBT derzeit im Programm. Fünf davon werden erst nach dem Lockdown Premiere haben: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, „Heilig Abend“, „Der Sandmann“, „Frauensache“ und „Antigone“ in der Fassung von Bodo Wartke.

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