Raphaela Nagler ist seit 100 Tagen Geschäftsführerin von „moNOkultur“
Für 3000 Künstler in dieser Stadt

Münster -

Die Freie Szene hat sich in der Corona-Pandemie als überaus kreativ und dynamisch gezeigt. Seit Dezember hat deren Interessenvertretung eine Geschäftsführerin - eine Bilanz und ein Ausblick...

Dienstag, 09.03.2021, 14:42 Uhr aktualisiert: 12.03.2021, 17:53 Uhr
Raphaela Nagler kümmert sich als neue Geschäftsführerin der Initiative „moNOkultur“ um die Freie Szene Münsters.
Raphaela Nagler kümmert sich als neue Geschäftsführerin der Initiative „moNOkultur“ um die Freie Szene Münsters. Foto: Matthias Ahlke

Raphaela Nagler ist seit Dezember Geschäftsführerin von „moNOkultur“ – einer Initiative der Freien Kulturszene Münster. Das Kulturamt der Stadt Münster fördert die sechs-monatige Pilotphase der Stelle, die bis Juni 2021 andauert. Danach soll die Geschäftsführung verstetigt werden. Im 100-Tage-Interview erläutert Nagler ihre Aufgaben, analysiert die Lage der Freien Kulturszene in Zeiten der Pandemie und gibt einen Ausblick auf dieses Jahr.

 

Die Initiative „moNOkultur“ hat mit Ihnen seit Kurzem eine Geschäftsführerin. Was sind Ihre Aufgaben?

Nagler: Im Grunde tue ich alles, um das Netzwerk zu stärken. Ich vertrete die Freie Kulturszene nach außen. Damit bin ich zugleich Sprachrohr, aber auch Ansprechpartnerin für Politik und Verwaltung. Es fallen viele organisatorische und koordinierende Aufgaben an, aber auch inhaltliche Recherchen. Generell arbeite ich eng mit dem ehrenamtlich tätigen SprecherInnenteam zusammen. Und im Moment bin ich natürlich sehr viel in Video-Konferenzen unterwegs! Sowohl innerhalb der Szene, wo ich bisher nur wenige Menschen in „echt“ auf Spaziergängen getroffen habe, als auch mit der Verwaltung oder überregional mit anderen Initiativen in NRW.

Was sind Ihre Ziele?

Nagler: Ganz kurz gesagt: „moNOkultur“ will die Interessen der Freien Kulturszene vertreten. Was diese konkret sind, kann sehr unterschiedlich sein. Zum einen gibt es durch „moNOkultur“ überhaupt erst eine Plattform, auf der freie Kulturschaffende sich seit der Gründung 2013 zusammentun und gemeinsame Positionen erarbeiten. Da kann es um aktuelle existenzielle Themen gehen wie die Corona-Hilfen oder um die Frage: Was brauchen wir, damit auch in 2021 Kultur stattfinden kann? Wir diskutieren aber auch über längerfristige Themen und wollen Impulse in die Stadt hineingeben. Bei unserem Großen Plenum, das Ende Mai/Anfang Juni stattfinden soll, wird es um die Frage gehen, wie Partizipation zwischen Freier Kulturszene, Politik und Verwaltung gut gelingen kann.

Wie viele Kulturschaffende in welchen Bereichen vertreten Sie?

Nagler: Es gibt einen harten Kern aus 30 bis 40 EinzelkünstlerInnen und Ensembles, die sich sehr stark engagieren bei „moNOkultur“. Unter ihnen sind alle künstlerischen Sparten vertreten. Darüber hinaus leben in Münster ungefähr 3000 in der Künstlersozialkasse versicherte KünstlerInnen, deren Anliegen wir versuchen mitzudenken. Wir sind immer offen für Neuzugänge, und das Engagement variiert ganz natürlich, je nach aktuellen kulturpolitischen Diskursen. Manchmal gibt es auch brennende Themen, die dann eine größere Menge an MitstreiterInnen anschwemmen, wie im Moment beispielsweise der Musikcampus.

Wie ist derzeit die Lage der Kulturschaffenden in Münster (finanziell – kulturell – persönlich)?

Nagler: Schwierig. Es ist kein Geheimnis, dass die Kulturbranche besonders zu leiden hat unter den Corona-Bestimmungen. Nach den Herausforderungen im letzten Frühjahr nun weitere vier Monate Lockdown, keine Auftritts- oder Ausstellungsmöglichkeiten, einziger Ausweg: digitale Formate. Finanziell reichen die Mittel bei einigen nur knapp aus, um über die Runden zu kommen. Es gibt Stimmen, die davon ausgehen, dass sich über kurz oder lang einige freie Kulturschaffende beruflich umorientieren werden. Auf der anderen Seite erlebe ich auch eine hohe Anpassungsleistung der KünstlerInnen. Schon im letzten Sommer und Herbst waren viele corona-konforme Formate an neuen Orten und spannende Veranstaltungen im Freien zu sehen. Dass alle Bemühungen dann so schnell mit dem Lockdown light wieder eingedampft wurden, war hart.

Welche Perspektiven sehen Sie für 2021?

Nagler: Gerade haben wir erfahren, dass die Kultur im 5-stufigen Lockerungsplan an vierter Stelle steht. Und diese Stufe tritt auch nur unter bestimmten Voraussetzungen ein. Es ist also weiterhin schwierig, Kulturveranstaltungen in den nächsten Monaten zu planen. Dabei wäre es für die Kulturszene wirklich wichtig, dass ihre gesellschaftliche Relevanz anerkannt und sie nicht weiterhin hintan gestellt würde.

Was wird nach Corona sein? Was bleibt (Kulturformate? Video-Vorstellungen?), was wird oder könnte fehlen?

Nagler: Corona wird seine Spuren auch in der Freien Kulturszene in Münster hinterlassen. Es bleibt abzuwarten, ob sie nach Corona noch so vielfältig sein wird wie zuvor und ob alle weiterarbeiten können. Interessant finde ich, wie sich Corona auf Ästhetiken von Veranstaltungen auswirkt. Die Digitalität, die in unser aller Leben eingezogen ist, wird in künstlerischen Formaten noch mehr eingesetzt. Die Reichweite geht durchs Streamen teilweise über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg. Außerdem werden aus der Not heraus neue Orte besetzt und Kooperationen eingegangen. Kunst findet verstärkt im öffentlichen Raum statt. Das sind alles Entwicklungen, die auch in der Zeit nach Corona Auswirkungen haben werden.

Was ist Ihr persönlicher Wunsch für dieses Jahr?

Nagler: Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklungen der nächsten Monate und hoffe natürlich, dass sie für uns alle positiv sein werden. Außerdem wird sich auch bei „moNOkultur“ in den nächsten Monaten zeigen, ob sich die neue Organisationsstruktur durchsetzt und sich meine Stelle verstetigen lässt. Das wäre für die Freie Kulturszene ein wichtiger Schritt, und für mich persönlich ergibt sich daraus eine spannende Aufgabe.

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