Interview mit Tänzer Keelan Whitmore
Ein völlig neuer Lebensabschnitt

Münster -

Keelan Whitmore bezeichnet sich als eine Person of Color und hat einen Koffer voller Erfahrungen im Gepäck. Zum Beispiel, wie es ist, wenn man von der gemischten Multikulturalität in New York und San Francisco ins vornehmlich weiße und sehr viel kleinere Münster zieht. Seit 2014 ist Whitmore Mitglied des Tanztheaters. Im Interview (aus dem Englischen) äußert er sich über seine Kunst, Rassismus und Kulturunterschiede.

Montag, 15.03.2021, 18:18 Uhr aktualisiert: 22.03.2021, 12:04 Uhr
Keelan Whitmore tanzt
Keelan Whitmore tanzt Foto: RJMuna

Sind Künstler anders als andere Menschen?

Keelan Whitmore : Ich denke nicht. Auch Künstler sind Handwerker. Wir alle widmen unser Leben, unsere Zeit und Bemühungen in das, was wir gerne tun. Ob man nun ein Tänzer, Tischler oder Webdesigner ist.

Sind sie sensibler als der Durchschnitt?

Whitmore: Das scheint so und wird mir seit meiner Kindheit nachgesagt (lacht). Wir müssen so sein. Im Kopf eines Künstlers gibt es eine tiefe Verbindung zu den Ebenen zwischen den Erscheinungen an der Oberfläche.

Und sie kehren ihr Intimstes nach außen . . .

Whitmore: Das macht sie so verletzbar. Ich arbeite jetzt seit mehr als 20 Jahren als Tänzer und jedes Jahr lege ich eine weitere Schicht dieser Verletzbarkeit beiseite. Das wird nicht aufhören. Ich habe gelernt, dass Du Dich wirklich nackt machen musst, wenn Du die Menschen berühren möchtest, total ehrlich und bereit sein, um vor dem Publikum sagen zu können „Das kann ich anbieten und damit bin ich okay.“ Vielleicht fühle ich mich selbst nicht einmal immer wohl mit meiner Performance, aber es ist das, was ich in dem Moment habe.

Wurden Sie nie durch negative Kommentare demotiviert?

Whitmore: Nie, dafür bin ich ganz besonders dankbar!

Welche Rolle spielt Inspiration für Sie?

Whitmore: Inspiration ist nicht mein erstes Ziel, aber sie ist die Spur, die mir das Leben vorgegeben hat. Ich weiß nicht, wie das passiert ist, ich schaffe nur einen Raum, in den ich die Betrachter einlade. Erst in den Gesprächen mit dem Publikum stelle ich fest, dass sich andere durch mich inspiriert fühlen.

Was entdecken die Zuschauer?

Whitmore: Ich glaube, sie stellen einen Bezug zwischen sich und meiner Darstellung her oder treten in eine Art inneren Dialog mit mir. Das ist ein spannender Prozess.

Spüren Sie während des Tanzes das Publikum auch?

Whitmore: Auf jeden Fall! Ich fühle, ob sie sich auf die gemeinsame Reise einlassen. Ich spüre, wenn sie müde oder einfach nicht dabei sind. In solchen Momenten bin ich wie verloren im All, dann kann ich mich nur an meiner Aufgabe, dem Job, festhalten.

Ist Ihr Erfolg ein Echo Ihrer Talente?

Whitmore: Man muss sehr viel Arbeit investieren, das lehre ich auch meinen Schülern. Aber natürlich funktioniert das nur, wenn Enthusiasmus und Spaß dabei sind! Für meine Schüler sollte immer mehr die kreative Freude vor der physischen Anstrengung dominieren.

Haben Sie eine Mission?

Whitmore: Ich würde gerne noch ehrlicher den Menschen Keelan Whitmore erforschen.

Träume?

Whitmore: Ich möchte mich in einer Führungsposition weiterentwickeln. Eine Position, in der ich allen Menschen, auch anderen Minoritäten, etwas Positives mitgeben kann.

Gibt es schon einen Ort dafür?

Whitmore: Als Person of Colour wäre eine solche Position nahezu überall auf der Welt eine kleine Revolution. (Anm.d.Red. „person“ oder „people of color“ ist die zurzeit politisch korrekte Bezeichnung in USA für Menschen mit einer dunklen Hautfarbe)

Wie stark belasten rassistische Ereignisse Ihr Leben?

Whitmore: Nun ja, in den 30er, 40er, 50er, 60er Jahre in USA gelebt zu haben, wäre wohl noch schlimmer gewesen. Aber es ist ein bisschen absurd, wenn man die positive Entwicklung vieler anderer Minoritäten in ihrem Kampf um Gleichberechtigung beobachtet, wie die Ehe für Homosexuelle beispielsweise, dass es doch immer die schwarzen Menschen sind, denen eine Gleichberechtigung vorenthalten wird. Warum hört das nicht auf?

Wie wäre es mit einem Alvin Ailey, die berühmte, schwarze Ballettcompagnie in Deutschland?

Whitmore: Ja, ja, ja (lacht). Ich habe in New York und San Francisco gelebt, aber irgendwie bin ich auch ein Kleinstadtmensch. Zumindest im Moment, mal schauen.

Sie haben den Schritt vom klassischen Ballett zum Tanztheater gemacht. Das sind technisch zwei völlig verschiedene Paar Schuhe!

Whitmore: Diese Erfahrung wollte ich unbedingt machen und die Arbeit mit Hans Henning Paar bedeutete tatsächlich einen völlig neuen Lebensabschnitt für mich. Die Arbeitsprozesse, in die die Compagnie während der Proben eintaucht, sind auf einer anderen Ebene intensiv, als in einer klassischen Compagnie. Ich entdeckte auch Mittel, das Weltgeschehen zu thematisieren, mein Blick auf die Gesellschaft, politische Themen, auch Diskriminierung, Rassismus, Sexismus. In unseren Stücken geht es eben nicht nur um Tanz. Die Erweiterung meines Repertoires um diese Ausdrucksmöglichkeiten begeistern mich.

Sie wirken so, als könne Sie das gesellschaftliche Geschehen nicht aus der Balance bringen?

Whitmore: In diesem Job ist man ununterbrochen mit dem Hin- und Her zwischen Innen- und Außenwelt beschäftigt. Vor allem seitdem ich in Deutschland bin und ganz besonders in diesem Jahr. So zu arbeiten wie wir bedeutet auch, unablässig eine Beziehung zwischen sich und der Gesellschaft herzustellen. Künstler reflektieren die Welt, Ideen, Gefühle, das kostet Kraft. Ich habe Methoden entwickelt, damit ich die Aufregungen des Lebens gut verarbeite. Ich nehme mir Zeit für Meditationen und Yogapraxis, ich bin ein fleißiger Tagebuchschreiber.

Welche Ressourcen bringen Sie aus Ihrer Kultur mit?

Whitmore: Meine Kultur hilft mir sehr. Von meiner 86-jährigen Großmutter habe ich viel gelernt, sie ist ein spiritueller Mensch. Sie sagt mir: “Alles hängt davon ab, wo Du Deine Gedanken verortest, Keelan. Wenn Du in ein Loch gefallen bist, musst Du die Kraft aufbringen, sie dort wieder herauszuholen.“ Ich liebe es, die Geschichten meiner älteren Verwandten zu hören, von ihnen zu lernen. Aus den Gesprächen mit meinem Vater habe ich kürzlich erfahren, dass das, was die letzten vier Jahre in USA los war, für ihn – Zitat -- „nichts Neues“ war. Wir nehmen es nur stärker wahr, auch aufgrund der Medien und den Social Medias, die Leute sprechen mehr darüber, das gibt mir Hoffnung.

Wann empfinden Sie den größten Unterschied zwischen USA und Deutschland?

Whitmore: Meine Freunde hier sagen mir immer, dass die Deutschen beim ersten Kontakt vielleicht nicht die freundlichsten sind, aber später dann zuverlässige Freunde sein können. Der Terminus „Freund“ wird in Amerika anders benutzt. Die Atmosphäre auf der Straße ist in Amerika entspannter und dort werde ich nicht angestarrt. Die für mich stressigste Situation in Deutschland ist an der Kasse im Supermarkt. Alle warten nur darauf, dass ich endlich meine Sachen eingepackt habe. Inzwischen weiß ich, in welcher Reihenfolge ich meine Produkte auf das Band legen muss. Und selbstverständlich habe ich meine EC-Karte und Tasche schon griffbereit in der Hand (lacht).

Was können wir von Ihrer Kultur lernen?

Whitmore: Zuerst müssen wir die Umstände akzeptieren. Konflikte muss man langfristig ändern. Ich glaube, irgendwas macht das Geld mit den Menschen, dass sie immer noch mehr Macht wollen, um sich anderen überlegen zu fühlen. Diese Mentalität bringt keine Heilung.

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