Long Distance Callings neue EP „Ghost“
Soundtracks zu noch nicht gedrehten Filmen

Grenzenlos und ganz ohne Sänger macht das Prog-Rock-Quartett Long Distance Calling aus Münster Musik, die in keine Schublade passt. Den zweiten Lockdown nutzen sie für ihre aktuelle EP „Ghost“. Auf Anhieb ging es von Null auf Platz 21 der Deutschen Album Charts. Wir haben uns „Ghost“ einmal genauer angehört.

Dienstag, 23.03.2021, 13:26 Uhr aktualisiert: 23.03.2021, 13:53 Uhr
Long Distance Callings neue EP „Ghost“: Soundtracks zu noch nicht gedrehten Filmen
Das Prog-Rock-Quartett Long Distance Calling aus Münster. Foto: Rathmer

Eine quietschende Tür, verschwimmende Klaviertöne in Moll, schlürfende Schritte, da ein Rascheln und Rütteln, und immer wieder diese Tür, die mittlerweile wie eine kreischende Säge nichts Gutes verheißen mag.

Auch wenn der an einen kopflosen Ritter aus der irischen Mythologie erinnernde Opener „Dullahan“ sehr düster ist und das neue Mini-Albums „Ghost“ allein aus einer dreitätigen Jamsession – ohne Konzept und Vorbereitung – in einem abgelegenen Landhaus entstanden ist: Das münsterische Prog-Rock-Quartett Long Distance Calling spielt die 34 Minuten nicht plan- oder kopflos, sondern bietet exzellentes instrumentales Kopfkino in sechs Songs.

Das Fehlen einer Stimme machen sie mit virtuosen Arrangements wett, die wie Soundtracks zu noch nicht gedrehten (Breitwand-)Filmen wirken. Zwischen stiller Poesie, dynamischen Spannungsbögen und aufbrechendem Tatendrang („Black Shuck“) bleiben die detailverliebten Songs bei aller Ungewöhnlichkeit und Überraschung im Aufbau schnell im Ohr. Auch beim zweiten Hören entdeckt man Neues, irgendwo zwischen John Carpenter, Jeff Beck und Pink Floyd, aber ohne etwas zu kopieren.

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Der Klang bei Long Distance Calling ist High-End, der geschmeidige Groove mit den elegant-perkussiven Gitarren und dem fein nuancierten Schlagwerk samt Keyboard klingt sehr frisch, auch weil alles live eingespielt wurde, ohne Overdubs und Editing. Die melodischen Songs „Old Love“, „Seance“ und „Fever“ bieten pures Seelenfutter. Einfach Augen schließen und genießen.

Die dystopische Grundstimmung des Anfangs, die am Ende des Albums mit dem programmatischen Rocksong „Negative is the new positive“ wieder aufgegriffen wird, passt perfekt in die Zeit, zwischen Pandemie, auf Sich-Fixiertsein und ungewisser Zukunft. Die Musik gerät dabei zunächst in einen Schwebezustand, fast in ein Nichts, bevor – wie ein Befreiungsschlag – frisch gezündete Power-Gitarren zeigen, dass man nie aufgeben sollte.

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