Das „Alle Jahre wieder“-Projekt
Die Jäger der verlorenen Schauplätze

Münster -

Einige Filmschau-Plätze des Jahres 1966 sind längst selbst Geschichte. Dennoch hat das "Alle Jahre wieder"-Projekt Szenen von einst an diesen Stellen positionsgetreu nachgestellt. Mit dabei: vier bunte Damen anstatt grauer Herren - und ein Entertainer.

Samstag, 27.06.2020, 14:30 Uhr aktualisiert: 27.06.2020, 14:33 Uhr
Das „Alle Jahre wieder“-Projekt: Die Jäger der verlorenen Schauplätze
Das FreiFrau-Ensemble um Carola von Seckendorff bei Elfi (oben links), "Spezie" Christoph Tiemann und "Inge" Ranya Abdine (o.r.) und die Stelle, an der die Flakstellung dereinst gewesen ist: heute die B51. Foto: Thorsten Hennig-Thurau, Kai Manke

Manche Filmschauplätze sind von nahezu zeitloser Natur: Die Tafelberge vom Monument Valley sehen 50 Jahre nach „Spiel mir das Lied vom Tod“ noch genauso aus wie damals, als Claudia Cardinale in der Kutsche an ihnen vorbeifuhr. Bei anderen Drehorten, wie etwa dem Potsdamer Platz aus Wim Wenders „Himmel über Berlin“, muss man hingegen schon sehr genau hinschauen, um sie heute wiederzuerkennen.

Ähnlich verhält es sich mit „Alle Jahre wieder“, Ulrich Schamonis ultimativem Film-Porträt eines sturen Wirtschaftswunder-Münsters an der Schwelle zur Studentenrevolte. Während Schauplätze wie der Friedenssaal und das Gasthaus Leve mehr als 50 Jahre nach den Dreharbeiten ziemlich unverändert aussehen, sind andere aus dem Blickfeld verschwunden. Das opulente Kaffeehaus beispielsweise, in dem Hannes‘ Clique reichlich Doornkaat trinkt, der Musikclub, in dem der „Spezie“ Sabine Sinjen zum Tanz bittet, und ebenso die „alte Flakstellung“, an der im Film alles endet.

FreiFrau-Ensemble bei "Elfi"

Das Kaffeehaus in „Alle Jahre wieder“ war natürlich das „Schucan“, eine münsterische Institution und fast 100 Jahre Dreh- und Angelpunkt des Stadtlebens. Heute ist am Prinzipalmarkt Nr. 24 das Modegeschäft „Elfi“ ansässig. Aufmerksame Besucher aber können die legendäre Geschichte des Gebäudes aufspüren: In der hölzernen Außenfassade (die den Schriftzug „Otto Schucan“ trägt) ebenso wie in den Mauern und Säulen im Inneren.

Das „Alle Jahre wieder”-Projekt hat im Februar den Drehort besucht und ihn mit all seinen Neuerungen, aber auch den verbliebenen Gemeinsamkeiten neu in Szene gesetzt. Tisch und Stühle für das Foto-Remake stellt das „Elfi“-Team bereit, an die Stelle der vier grauen Herren im Film treten dieses Mal vier bunte Theater-Damen: das FreiFrau-Ensemble um Carola von Seckendorff. Zu trinken gibt es statt Korn diesmal alkoholfreien Sekt — man will schließlich noch arbeiten. Das Ergebnis ist eine fotografische Reise in Münsters Film- und (Stadt-) Vergangenheit — und zugleich ein Bild der Gegenwart der Stadt.

Weiter geht die Schauplatz-Jagd. Der besagte Musikclub befindet sich im Keller des Hotel Busche – „bringt mehr ein als das ganze Hotel“, verrät der „Spezie“. Aber dort ist er nur im Film. Follower der Facebookseite des Projekts helfen, den Drehort aufzuspüren: Gefilmt wurde am Ludgeriplatz im damaligen „Studio B“. Münsters erste Diskothek hatte wenige Tage vor den Dreharbeiten die Tanzfläche eröffnet, nicht im Keller übrigens, sondern im Erdgeschoss und mit heruntergelassenen Jalousien vorm Fenster zur Schorlemmerstraße.

Von der Diskothek zur Bäckerei

Das „Studio B“ gibt es schon lange nicht mehr: Heute ist in den Räumen eine Filiale der Bäckerei Middelberg untergebracht. Auch hier lebt unter der neuen Einrichtung noch der alte Mythos. Wer an der Kasse steht, die die Jukebox ersetzt hat, und zur Straße blickt, erkennt das einstige „Studio“ sofort wieder. Für das Remake bittet der münsterische Entertainer Christoph Tiemann die Middelberg-Mitarbeiterin Ranya Abdine zum Tanz — ganz wie in „Alle Jahre wieder“ der „Spezie“ Sabine Sinjen. Während wie damals Evelyn Künneckes „Sing, Nachtigall, sing“ erklingt, vermischen sich beim Fotoshooting Vergangenheit und Gegenwart von Film- und Stadtgeschichte.

Am Ende von Schamonis Film fahren die Mittvierziger ziemlich betrunken zu dem Ort, der sie geprägt hat: die alte Flakstellung. Ein schweres Schauplatz-Rätsel, das schließlich mit Hilfe nicht zuletzt aus dem Vermessungsamt gelöst werden kann. Es ist das Flurstück 184, zwischen Industrieweg und den Bahnlinien gen Wanne-Eickel und Hamm. Hier braucht der Filmfan viel Fantasie, um das Münster von einst wiederzuerkennen. Die Reste der Flakstellung mussten vor dreißig Jahren der Bundesstraße 51 weichen, erzählt der letzte Bewohner der Gegend. Aber um so einem Drehort ist es vielleicht auch nicht schade, wenn er verloren geht.

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