Der Dauerbrenner am Sonntagabend
Zehn Jahre Münster-Tatort: Dienstjubiläum für Thiel und Boerne

Münster -

Der rustikale Thiel, der schnöselige Boerne, das bieder-ländliche Spießeridyll der Provinzialhauptstadt Münster – kleingt das nach einem Erfolgsrezept? Das hat beim ersten Tatort von 2002 kaum jemand geglaubt. Inzwischen ist der Münster-Tatort der beliebteste Krimi der Reihe und erreicht traumhafte Quoten.

Donnerstag, 22.11.2012, 09:11 Uhr

Der Dauerbrenner am Sonntagabend : Zehn Jahre Münster-Tatort: Dienstjubiläum für Thiel und Boerne
So kennen Millionen den Münster-Tatort (v.l.):  Das Trio „Alberich“ (ChrisTine Urspruch), Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan-Josef Liefers) im Obduktionssaal – hier im Film „Zwischen den Ohren“ (2011). Foto: WDR

Es war Sonntagabend, der 20. Oktober 2002, als sich Münster als „ Tatort “ schauriger Verbrechen erstmals dem großen Fernsehpublikum zeigte. Bei der Premiere der Fälle von Kommissar Frank Thiel , seinerzeit frisch von Hamburg nach Münster versetzt, und dem schnöseligen Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne , tauchte eine Leiche aus dem Moor auf – passend zur düsteren Atmosphäre von Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht vom Knaben im selbigen.

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Die besten Quoten

Die meist gesehenen Münster-Tatorte waren die Folgen „Herrenabend“, ausgestrahlt am 2. November 2011, mit 11,79 Millionen Zuschauern, „Hinkebein“, ausgestrahlt am 11. August 2012, mit 10,78 Millionen Zuschauern und „Spargelzeit“, ausgestrahlt am 10. Oktober 2010, mit 10,49 Millionen Zuschauern. Der erste Münster-Tatort, der die Zehn-Millionen-Einschaltquote knackte, war„Wolfsstunde“, ausgestrahlt am 9. November 2008. Beim ersten Tatort „Der dunkle Fleck“, gesendet am 20. Oktober 2002, schalteten 8,82 Millionen Zuschauer ein. Zum Vergleich: Mit diesen Einschaltquoten bewegt sich der Münster-Tatort auf Augenhöhe mit „Wetten dass?“, der immer noch beliebtesten deutschen Fernsehshow.

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Mischung von verschrobener Exzentrik, schwarzem Humor und reichlich Klamauk

Letzteres zählt zum Inventar des deutschen Bildungskanons – und bedient erfolgreich das Klischee der Gegend. Münster, wie man es sich anderswo vorstellt: Das sollte eine der zwingenden Zutaten zum erfolgreichsten aller Tatort-Krimis sein. Auch beim „Wunder der von Wolbeck “, dem inzwischen 22. Fall von Thiel und Boerne, gibt es wieder die schöne Mischung von verschrobener Exzentrik, schwarzem Humor und reichlich Klamauk. Das Ganze vor der Kulisse bieder-ländlicher Idylle und dumpfer Beamten-Spießigkeit in und rund um die westfälische Provinzialhauptstadt.

Drehorte

Der Prinzipalmarkt, münsterisches Wahrzeichen Nummer eins, liefert auch die meisten Münster-Bilder für den Tatort: Hier wurde allein in den vergangenen vier Jahren für die „Wolfsstunde“ (2008), der „Fluch der Mumie“ (2009) und „Spargelzeit“ (2010) gedreht. „Wolfsstunde“ gehörte zu den Folgen mit den meisten in der Stadt gedrehten Szenen – am Lambertikirchplatz, am Bahnhof und am Domplatz. Beliebte Drehorte waren außerdem: der Hafen, das Schloss, das Psychiatrische Institut der Universität, das Gasthaus „Kleiner Kiepenkerl“, die Diözesanbibliothek und der Zentralfriedhof.

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Unerwarteter Erfolg

Dass dieser Mix schnell ein ultimatives Erfolgsrezept werden würde, war vor zehn Jahren keinem der Tatort-Macher klar. Auch nicht den Schauspielern vor der Kamera.

Die Macher

Insgesamt waren bisher 14 Regisseure beim Tatort im Einsatz. Matthias Tiefenbacher, der bei der neuen Folge „Das Wunder von Wolbeck“ Regie führte, hat auch „Tempelräuber“ und „Herrenabend“ gedreht. Manfred Stelzer war am häufigsten als Regisseur in fünf Folgen am Werk: „Der doppelte Lott“ (2005), „Ruhe sanft“ (2007), „Krumme Hunde“ (2008), „Spargelzeit“ (2010), „Hinkebein“ (2012). Kaspar Heidelbach war in drei Folgen Regisseur: „Eine Leiche zuviel“ (2004), „Der Frauenflüsterer“ (2005), „Der Fluch der Mumie“ (2010).  Die meisten Drehbücher, nämlich acht, schrieb Stefan Cantz. Gleich für das erste, „Der dunkle Fleck“, wurde er für den Grimme-Preis nominiert.

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Axel Prahl war damals einfach nur „froh, dass er den Job hatte“, sagte er vergangene Woche am Rande der Premiere des Jubiläums-Tatorts im Cineplex. Jetzt feiert er schon Dienstjubiläum nach zehn Jahren als Tatort-Kommissar in Münster – und findet es immer noch erstaunlich, dass an den Sonntagabenden, an denen seine Fälle über die Bildschirme flimmern, „eine Stadt dreimal so groß wie Berlin nichts anderes tut, als uns zuzugucken“. Dass er inzwischen für Fernsehdeutschland erst Mal Kommissar Thiel ist, macht Prahl nichts aus. „Die Leute sind meistens rücksichtsvoll, wenn sie mich auf der Straße sehen“, sagt Prahl.

Er zeigt sich relativ häufig in Münster. Dass er hier vor Jahren aneckte weil er im Cineplex gegen das Rauchverbot verstieß, amüsiert ihn immer noch. Bei der jüngsten Premiere ging Prahl kurz nach draußen um sich eine Zigarette anzustecken. Sein Kollege Jan-Josef Liefers alias Professor Boerne ist seltener vor Ort, wenn Münster den Tatort feiert.

Vorpremiere von das „Wunder von Wolbeck“

Die Leute, rund 3000 kamen ins Kino am Hafen, um das „Wunder von Wolbeck“ schon ein paar Tage vor dem Rest der Nation anzusehen, freuen sich genauso über „Alberich“ alias ChrisTine Urspruch und „Vater Thiel“ in Person von Claus Dieter Clausnitzer, der mit seinen Berufskollegen in Münster, den Taxifahrern, nur wenige Erfahrungen gemacht hat. Die Rolle im lustigsten Tatort macht ihm immer noch Spaß, „aber wir müssen aufpassen, dass wir keine Klamotte produzieren“, gibt Clausnitzer zu bedenken. Aber er hat beim Tatort auch ernste Dinge gelernt – und harte Arbeit. Spargelstechen zum Beispiel – bei den Dreharbeiten zu „Spargelzeit“.

Schloss, Prinzipalmarkt, Aasee und Co.

Dafür wurde dann auch wirklich ausführlicher im Münsterland gedreht, sonst stehen die münsterischen Häuser im Tatort oft in Köln. Die Hotspots Schloss, Prinzipalmarkt, Hafen, Aasee und Altstadt kennt das Tatort-Team nun aber doch intensiv: „Der Prinzipalmarkt ist wirklich richtig schön“, sagt ChrisTine Urspruch. Überdruss an der Rolle als „Alberich“ – nein, den empfindet sie ganz und gar nicht, versichert Urspruch. Mit Münster so populär zu werden, das sei „ein großes Geschenk“ für sie. Und ein überraschendes dazu: „Vor zehn Jahren dachte ich, das wird ein Nischenfilm.“

Wirkungsvolles Stadtmarketing

Das für einen Tatort ungewöhnliche Genre ist nach Meinung von Kennern gerade genau das, was die Filme so erfolgreich macht, sagt der Germanist Prof. Andreas Blödorn von der Universität Münster. Die „schwarze Komödie“ komme beim Publikum bestens an, zur großen Freude der ARD besonders bei jungen Zuschauern. Dass der Tatort bei allem Klamauk die Zuschauer gezielt in Abgründe hinter der beschaulich-hübschen Münster-Kulisse blicken lässt und die Stadt bundesweit von einer Ansammlung grotesker Figuren repräsentiert wird, das ärgert bei den Stadtoberen niemanden. Denn ein wirkungsvolleres Stadtmarketing kann es kaum geben – dazu noch kostenlos.

Nur konsequent: Die Tatort-Macher durften sich längst im Rathaus in das Goldene Buch der Stadt eintragen. Wegen ihrer unbestrittenen Verdienste um Münster.

Viele Leichen-Statisten und Spaß mit der Ziege

Zehn Jahre Dreharbeiten für Münster-Tatorte – da passiert auch vieles Unvorhergesehene. Hier einige Anekdoten aus der Historie:

► Die Folge „Eine Leiche zu viel“ (2004) machte ihrem Namen alle Ehre. Gleich ein Dutzend Leichen-Statisten waren im Einsatz, als eine Szene von einem Anatomie-Kurs gedreht wurde.

► Ein Stunt für den Krimi „Fluch der Mumie“ (2010) fiel buchstäblich ins Wasser. Beim Dreh des Showdowns ging das Fluchtauto im Hafenbecken unfreiwillig baden.

► Im Film „Spargelzeit“ (2010) gibt der Schauspieler Jörg Hartmann sein Tatort-Debüt in der Rolle des „Spargelkönigs“ Martin Pütz. Hartmann ist nun beim „Tatort“ aufgestiegen, spielt in der Nachbarschaft in Dortmund den Tatort-Kommissar Peter Faber.

► Beim neuen Tatort „Das Wunder von Wolbeck“ spielt auch ein Vierbeiner mit – im ZiBoMo-Stadtteil Wolbeck natürlich eine Ziege. Professor Boerne muss das Tier operieren, weil es Beweismittel verschluckt hat. Die Operation blieb der armen Ziege in Wirklichkeit erspart – sie wiederum ersparte den Schauspielern aber nicht ihre natürlichen Bedürfnisse im Obduktionssaal bei den Dreharbeiten.

► Ob ein Münster-Tatort richtig gelungen ist, das entscheidet sich für Axel Prahl nicht mit dem Drehbuch, sondern erst bei der Premiere des Films: „Der Schnitt macht die Qualität“, sagt der Hauptdarsteller.

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