Alltag der Lehrer
Die Improvisationstalente

Münster -

Zu wenig Platz, zu wenig Geld für Bücher: Was Lehrern zurzeit so das Leben schwer macht, davon berichten die beiden Grundschulpädagogen Michael Kaulingfrecks und Thorsten Küster.

Samstag, 04.06.2016, 15:06 Uhr

Michael Kaulingfrecks  (l.) und Thorsten Küster engagieren sich im Verband Bildung und Erziehung für die Verbesserung der Situation in den Grundschulen.
Michael Kaulingfrecks  (l.) und Thorsten Küster engagieren sich im Verband Bildung und Erziehung für die Verbesserung der Situation in den Grundschulen. Foto: kv

Münster wächst – und darum denkt die Stadt jetzt auch massiv über die Erweiterung von Schulen nach. Die beiden Grundschulpädagogen Michael Kaulingfrecks , Leiter der Grundschule in Nienberge und Vorsitzender des Stadtverbands des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), sowie Thorsten Küster , Lehrer an der Hiltruper Paul-Gerhardt-Schule und ebenfalls im VBE-Vorstand aktiv, freuen sich darüber, wie sie im Interview mit Redakteurin Karin Völker betonen. Es werde Zeit für nachhaltige Verbesserungen, denn beim Unterrichten sei schon lange viel Improvisation gefragt.

Erzählen Sie mal von Ihrem Unterrichtsalltag: Welche Art von Improvisation wird Ihnen da abverlangt?

Kaulingfrecks: Die Schülerzahlen steigen – da wird es immer enger in den Gebäuden. Unsere Schule ist zum Beispiel formell dreizügig. Wenn wir aber in jeder Klassenstufe drei Züge hätten, gebe es überhaupt keine Gemeinschaftsräume mehr. Im Sommer fehlt mir immer noch ein weiterer Gemeinschaftsraum, und Klassenräume werden nachmittags für die offene Ganztagsschule genutzt. Es muss also immer umgeräumt werden. Das ist umständlich und birgt Konfliktpotenzial.

Küster: Als ich an unserer Schule anfing, hatten wir noch Extra-Räume für den Kunst- und Werk-Unterricht. Wir sind heute froh, wenn wir genügend Klassenräume haben. Aber die Raumknappheit ist nur eines der Probleme.

Wo kneift es noch?

Kaulingfrecks: Noch ein Beispiel für das Improvisationstalent , das uns abverlangt wird: Um unsere Bestände an Schulbüchern zu vervollständigen, kaufen wir uns einzelne Exemplare im Internet zusammen. Die Kollegen durchforsten die Portale im Netz und kaufen aus dem Schuletat beispielsweise einzelne gebrauchte Mathe-Bücher von privaten Anbietern. Der Schuletat für Bücher wurde ja seit 20 Jahren nicht erhöht, die Preise steigen aber kontinuierlich. Unsere Kinder der vierten Klasse arbeiten etwa mit Mathe-Büchern, die vor ihnen schon acht andere Schüler benutzt haben.

Haben Sie Hoffnung, dass sich gerade an dieser Art der Mängelwirtschaft etwas ändert?

Kaulingfrecks: Ja, die Gespräche, die wir nun mit der Verwaltung haben, lassen uns hoffen. Ich finde es zum Beispiel sehr gut, dass wir als Schulen bei den Erweiterungsplänen in den einzelnen Stadtbezirken jetzt intensiv in die Planungen einbezogen werden. Es scheint sich der Eindruck durchzusetzen, dass das fortgesetzte Wachstum der Schulen nicht nur mit Flickschusterei zu bewerkstelligen ist.

Wie gut ist nach Ihrer Wahrnehmung das Programm der Offenen Ganztagsschule ausgestattet?

Kaulingfrecks: Die Offene Ganztagsgrundschule ist überall explodiert, auch bei uns in Nienberge. Vor acht Jahren haben wir mit ein paar Kindern angefangen, im Sommer eröffnen wir die vierte Gruppe. Es gibt nur noch wenige Schüler, die nicht an dem Programm teilnehmen. Es wurde zwar immer aufgestockt, aber eben auch nur stückweise.

Wie ist die Personalausstattung?

Kaulingfrecks: : Es arbeiten zwar überwiegend qualifizierte Fachkräfte, aber die Bezahlung ist für viele nicht attraktiv. Ich finde es gut dass das Jugendamt, das die Personalausstattung der Offenen Ganztagsschule organisiert, nun auch attraktivere Arbeitsverträge bieten will. Vom Gehalt einer halben Stelle im offenen Ganztag kann kein Sozialpädagoge leben. Darum gehen die meisten, die dort anfangen, schnell wieder weg. Ich hoffe, das lässt sich ändern.

Wie ist denn die Lehrerversorgung an den münsterischen Grundschulen allgemein? Eltern klagen immer wieder über häufigen Wechsel und viele Vertretungen.

Kaulingfrecks: Die Lehrerversorgung an den Schulen ist in der Tat vom Land sehr knapp bemessen. Als VBE fordern wir eine feste Vertretungsreserve für jede Schule. Die gibt es derzeit nicht. Wenn ein Kollege oder ein Kollegin länger ausfällt, bekommen wir mit Glück jemanden aus dem so genannten Feuerwehrpool. Aber die Anzahl der Stellen ist immer noch zu gering für den Bedarf.

Wie bewältigen die Schulen die Anforderungen der Inklusion?

Kaulingfrecks: Das ist ebenfalls ein Thema. Es gibt immer noch zu wenig Förderschullehrkräfte im Grundschulbereich, einige Schulen haben noch gar keine. Wir etwa teilen uns eine Sonderpädagogin mit einer anderen Schule und müssen auch mit den Integrationshelfern jonglieren. Das führt etwa dazu, dass ein autistisches Kind bei uns am Nachmittag keine besondere Betreuung mehr hat.

Küster: Es sind viele neue Herausforderungen gekommen – aber die Realisierung geht zuerst immer mit einem Manko einher.

Kaulingfrecks: Dabei verlangen Eltern von uns – völlig zu Recht –, dass zum Beispiel die Inklusion von Anfang an gut läuft. An vielen Schulen müssen die Kollegien aufpassen, dass das Personal nicht dauerhaft überfordert wird.

Was wünschen Sie sich bei dem jetzt von der Stadt in Aussicht gestellten Schulerweiterungsprogramm?

Küster: Es wäre schön wenn Planungen insgesamt weitsichtiger angelegt würden. Wir hatten in Hiltrup zum Beispiel den Eindruck, dass immer größere Baugebiete geplant wurden, aber zu wenige Kapazitäten für die Schulen. Wir haben etwa in unseren beiden zweiten Klassen jeweils 32 Kinder. durchschnittlich hat da ein Lehrer pro Kind 1,2 Minuten in der Unterrichtsstunde Zeit. Das ist doch wenig.

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