Orientreise von Fritz Grotemeyer
Von Konstantinopel bis zum Sinai im Jahr 1916

Münster -

Der Münsteraner Fritz Grotemeyer begab sich vor genau 100 Jahren auf eine Orientreise – allerdings nicht, um sich zu erholen. Grotemeyer sollte auf Bitten des türkischen Ministers Enver Pascha das Kriegsgeschehen im Osmanischen Reich als Bildberichterstatter festhalten. Grotemeyer fertigte während seiner Reise Hunderte Skizzen und Zeichnungen an.

Donnerstag, 28.07.2016, 15:07 Uhr

Orientreise – das hört sich nach Tausendundeiner Nacht an. Doch es war keine Urlaubsreise, zu der Fritz Grotemeyer 1916 von Berlin aus aufbrach. Der aus Münster stammende Maler reiste auf Einladung des osmanischen Kriegsministers Enver Pascha nach Istanbul und dann weiter bis zum Sinai, um die „heldenhaften“ Kampfhandlungen der mit dem deutschen Kaiserreich verbündeten osmanischen Armee mit dem Zeichenstift festzuhalten. Heute würde man Grotemeyer als Kriegsberichterstatter bezeichnen, seine Bilder sollten der Propaganda dienen. Dennoch gelang es ihm, mit Hunderten Zeichnungen und Skizzen, die er von Februar bis November auf seiner Reise von Istanbul bis Ägypten anfertigte, den Zauber von Tausendundeiner Nacht mit einzufangen. Eine Auswahl seiner schönsten Bilder ist zurzeit im Stadtmuseum zu sehen – Grotemeyer hatte sie bereits 1939 der Stadt Münster vermacht.

1864 wurde Friedrich Albert Theresia Grotemeyer in Münster geboren – als Sohn des Konditors Albert Grotemeyer. 1887 bestand er die Aufnahmeprüfung zur Akademie der Künste in Berlin, sechs Jahre später wurde er Stipendiat der Adolph-Menzel-Stiftung. Menzel persönlich, einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts, förderte ihn.

Das ist jetzt der Widerspruch in meinem Künstlerleben: Man sieht viel und kann nicht viel arbeiten. Das ist mehr wie ärgerlich.

Fritz Grotemeyer in einem Brief an seine Frau, nachdem ihm auf dem Sinai Sandstürme und Ungeziefer das Leben schwer machten

Nachdem Grotemeyer 1914/1915 an die Westfront gereist war, um Bilder vom Kriegsgeschehen für die „Leipziger Illustrirte Zeitung“ zu zeichnen, folgte 1916 die Reise ins Osmanische Reich. Enver Pascha hatte ihn eingeladen, der berüchtigte osmanische Kriegsminister, der heute als einer der Hauptverantwortlichen für den Genozid an den Armeniern gilt. Der Kontakt zu Pascha war über dessen Schwester zustande gekommen, die Grotemeyer in Berlin kennengelernt hatte.

Am 27. Februar 1916 traf Grotemeyer in Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – ein. Das Wetter war so schlecht, dass die Truppen, die er nach Suez begleiten sollte, zunächst nicht ausrücken konnte. Grotemeyer nutzte die Zeit und fertigte Skizzen von Istanbul an, zudem verbrachte er einige Zeit auf einem deutschen Kriegsschiff. Nach einem 14-tägigen Ausflug zu den Dardanellen schickte er die ersten Zeichnungen an die „Leipziger Illustrirte“.

Sand, Hitze und Ungeziefer

Drei Monate nach seiner Ankunft konnte sich Grotemeyer im Mai einer deutschen Truppeneinheit auf dem Weg nach Suez anschließen. Die Reise war beschwerlich, nur zum Teil konnte sie mit dem Zug zurückgelegt werden, zwischendurch transportierten Pferde, Kamele und Autos das militärische Gerät über einen Pass im Taurusgebirge.

Die Orientreise führte Fritz Grotemeyer von Istanbul über Damaskus und Jerusalem bis zum Sinai. Dort musste er aus Gesundheitsgründen umkehren

Die Orientreise führte Fritz Grotemeyer von Istanbul über Damaskus und Jerusalem bis zum Sinai. Dort musste er aus Gesundheitsgründen umkehren Foto: Jürgen Christ

Schließlich erreichte der Tross Aleppo und dann Damaskus. Dort traf Grotemeyer den Oberbefehlshaber der vierten osmanischen Armee, der ihn persönlich mit dem Wagen nach Jerusalem brachte, damit der Künstler aus Deutschland möglichst schnell Bilder von den vorrückenden osmanischen Truppen zeichnen konnte. Von Jerusalem reiste Grotemeyer dann alleine weiter. In Be‘er Scheva traf er auf eine deutsche Einheit. Von hier aus unternahm er mit dem Pferd Ausflüge in die Wüste, wobei er in einen heftigen Sandsturm geriet.

Zeichnungen der Stadt Münster vermacht

Über die türkisch-ägyptische Grenze ging es schließlich auf den Sinai. Sand, Hitze und Ungeziefer machten Grotemeyer allerdings das Leben schwer. Er fühlte sich zunehmend schlechter und entschied sich daraufhin, am 22. Juni nach Jerusalem zurückzukehren. Er kam im Österreichisch-Ungarischen Hospiz in der Altstadt unter, wo er Dutzende Zeichnungen anfertigte. Als sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, entschied er sich zur Rückkehr nach Konstantinopel. Dort diagnostizierten die Ärzte bei Grotemeyer eine schwere Form der Malaria, die ihn fast das Leben kostete. Er verlor sein Gehör und war von nun an taub.

Zum Thema

Die Ausstellung „Orientreise 1916 – Der Maler Fritz Grotemeyer“ ist bis zum 6. November im Stadtmuseum zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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Am 14. November 1916 trat Grotemeyer die Rückreise nach Berlin an. Dort zeichnete er weiter, schickte viele Zeichnungen zur „Leipziger Illustrirten“, die in den Folgejahren veröffentlicht wurden. In den 1920er Jahren fertigte der Historienmaler dann großformatige Ölgemälde mit orientalischen Motiven an, von denen sich mehrere heute im Besitz der Stadt Münster befinden. Einen Großteil seiner Zeichnungen vermachte er 1939 der Stadt Münster; sie gehören nun zum Bestand des Stadtmuseums, wo sie aktuell im Rahmen einer Sonderausstellung zu sehen sind.

Mit Ende des Ersten Weltkrieges kehrte Fritz Grotemeyer endgültig nach Berlin zurück. Immer wieder besuchte er aber auch seine Heimatstadt Münster, die er 1887 verlassen hatte, um in der Hauptstadt zum Künstler zu werden. Dort, in Berlin, lebte er nun ein großbürgerliches Leben, umgeben von seinen Gemälden und Zeichnungen. Erst 1945 verließ er die kriegszerstörte Stadt und ließ sich in Witten nieder. Am 28. Juli 1947 verstarb er in seiner Geburtsstadt. Er wurde 83 Jahre alt.

Zur Person

Fritz Grotemeyer

1864 wurde Friedrich Albert Theresia Grotemeyer als Sohn des Konditors Albert Grotemeyer in Münster geboren. Zunächst machte er eine Ausbildung zum Textilkaufmann. Am 8. Oktober 1887 bestand er die Aufnahmeprüfung an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin und begann ein Studium als Atelierschüler des Malers Woldemar Friedrich. Später studierte er bei Paul Meyerheim. 1893 erhielt Grotemeyer ein Stipendium der Adolph-Menzel-Stiftung.

Menzel förderte ihn danach maßgeblich. Als Meisterschüler von Anton von Werner malte Grotemeyer bis 1914 vor allem Historienbilder. Zwischen 1914 und 1915 reiste er als Berichterstattung für die „Leipziger Illustrirte Zeitung“ an die Westfront, bevor er zwischen dem 27. Februar und 14. November 1916 seine Orientreise unternahm. Zwischen 1918 und 1945 lebte Grotemeyer in Berlin. Am 28. Juli 1947 starb er in seiner Heimatstadt Münster.

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