30 Jahre Krisenhilfe Münster
Raus aus der Tabuzone

Münster -

30 Jahre besteht die Krisenhilfe in Münster – entstanden ist sie aus der Telefonseelsorge heraus, um Menschen über die telefonische Beratung hinaus eine Möglichkeit zum persönlichen Gespräch in Lebenskrisen zu bieten.

Freitag, 20.01.2017, 21:01 Uhr

30 Jahre Krisenhilfe: Für (v.l.) Petra Karallus, Peter Wörmann und Dorothea Plaß-Kehl ein guter Grund, zurück-, aber auch nach vorn zu schauen.
30 Jahre Krisenhilfe: Für (v.l.) Petra Karallus, Michael Wörmann und Dorothea Plaß-Kehl ein guter Grund, zurück-, aber auch nach vorn zu schauen. Foto: Matthias Ahlke

30 Jahre Krisenhilfe Münster. Drei Jahrzehnte, in denen sich Menschen für Männer und Frauen einsetzen, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr finden, die keine Freude mehr daran haben, die oft keinen Ausweg mehr sehen. Auch Angehörige bekommen Hilfe: Es gibt Trauergruppen, Angebote zur Trauerbegleitung für diejenigen, die einen Menschen durch Suizid verloren haben. Aus einer Initiative von 17 Münsteranern, die 1987 den Verein „Krisenhilfe Münster“ gegründet haben, ist eine Einrichtung geworden, die sich heute auf einen Kreis von 30 ausgebildeten Ehrenamtlichen stützt. Redakteurin Martina Döbbe sprach mit Petra Karallus , der Leiterin der Krisenhilfe, Michael Wörmann , Vorsitzender des Vorstands, sowie Dorothea Plaß-Kehl, ehrenamtliche Krisen- und Trauerbegleiterin, über Aufgaben, Ziele und Pläne.

Können Sie sich noch an die Anfänge der Krisenhilfe erinnern?

Michael Wörmann: Sehr gut. Unsere Wiege war die Telefonseelsorge. Es gab dann eine Gruppe von Mitarbeitern, die das Spektrum für Ratsuchende erweitern wollte. Wir wollten direkte Gesprächskontakte anbieten, um gerade in akuten Situationen besser unterstützen zu können, wenn eine telefonische Beratung nicht reicht.

Ist das Konzept so aufgegangen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Michael Wörmann: Die Krisenhilfe heute, ihre Arbeit und ihre Angebote, sind aus meiner Sicht wirklich großartig. Das muss man allen, die hier arbeiten, immer wieder sagen. Der Weg dahin war nicht so einfach, wie wir es uns am Anfang mal gedacht haben. Denn es musste ja erst einmal ein Kreis von qualifizierten Ehrenamtlichen aufgebaut werden, und es musste auch Öffentlichkeit hergestellt, Hemmschwellen überwunden werden, um die Themen Suizid und Lebenskrise anzusprechen.

Ist das heute einfacher geworden?

Petra Karallus: Suizid oder Lebenskrisen, die dazu führen, dass Menschen den Gedanken haben, ihr Leben zu beenden, sind immer noch ein Tabu-Bereich. Die Arbeit der Krisenhilfe hat sicher dazu beigetragen, das Tabu etwas aufzubrechen. Mein Wunsch für die Zukunft wäre, dass es in der Gesellschaft noch mehr gelingt, offen über diese Pro­bleme zu reden.

Wie würden Sie die Krisenhilfe kurz beschreiben?

Petra Karallus: Wir sind eine Beratungsstelle für Menschen in akuten Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr. Wir begleiten Menschen, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben, wir arbeiten unbürokratisch, vertraulich, kostenlos und sind schnell verfügbar. Wir schaffen es, innerhalb von 24 Stunden eine persönliche Begleitung anzubieten, wenn sich jemand an uns wendet.

Wie kann man die Aufgaben der Ehrenamtlichen am besten beschreiben?

Dorothea Plaß-Kehl: Wir haben wechselweise den Telefondienst, wir begleiten Menschen, die persönlich Hilfe brauchen. Manche haben sich darüber hinaus weitergebildet und sind auch Ansprechpartner für trauernde Angehörige im Einzelgespräch oder als Begleitung in einer Trauergruppe.

Möchten die Menschen, die anrufen, sofort ihr Pro­blem am Telefon besprechen, oder geht es darum, schnell einen persönlichen Termin zu vereinbaren?

Dorothea Plaß-Kehl: Natürlich hören wir erst einmal zu, aber es geht ja bewusst nicht um eine Telefonberatung. Wir versuchen abzuklären, wie zeitnah ein Gespräch stattfinden sollte. Dabei muss man schon genau darauf achten, wie groß der Druck ist. Manchmal ruft jemand am Morgen an und es ist gut, am Nachmittag eine Stunde für ein Gespräch anbieten zu können.

Schaffen Sie das immer so schnell?

Petra Karallus: Ganz klar ist, bei uns gibt es keine Wartelisten. Die 24-Stunden-Regel ist oberstes Gebot, wenn es schneller sein muss, versuchen wir alles, um das hinzukriegen. Manchmal ist es sehr eng, aber unsere Ehrenamtlichen sind absolut flexibel und auch immer wieder so motiviert, dass sie es schaffen.

Dorothea Plaß-Kehl: Wir als Ehrenamtliche sind darauf eingestellt, in Wellen zu arbeiten. Manchmal habe ich dreimal in der Woche hier ein Beratungsgespräch, weil es einfach nicht anders geht und der Betroffene diese enge Begleitung braucht. Manchmal gibt es dann aber auch eine längere Pause.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Krisenhilfe?

Michael Wörmann: Aus Sicht des Vorstandes natürlich ganz praktisch gedacht, dass das Geld reicht, um die gute Arbeit auch weiterhin auf eine verlässliche Basis zu stellen. Wir bekommen jährlich von der Stadt Münster 110 000 Euro, das sind zwei Drittel unseres Etats. Den Rest müssen wir durch Spenden zusammenbekommen. Da wünsche ich mir, dass die Münsteraner bei entsprechenden Anlässen an uns denken und unsere Arbeit durch finanzielle Unterstützung mit absichern.

Dorothea Plaß-Kehl: Ich wünsche mir, dass wir unsere Prophylaxearbeit zum Beispiel in Schulen ausbauen können. Es ist ein gutes Forum, auf die Krisenhilfe aufmerksam zu machen und unsere Arbeit vorzustellen.

Petra Karallus: Mir ist wichtig, das Tabu um das Thema Suizid weiter aufzubrechen. Und natürlich, die gute Arbeit weiter in dieser Qualität zu halten und durch Öffentlichkeitsarbeit auch noch auszubauen. Krisenhilfe ist wichtig für jeden, auch wenn er vielleicht im Augenblick keinen aktuellen Bedarf hat.

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