Schiedsleute als Streitschlichter
Die Küche als Friedenssaal

Münster -

Nachbarschaftsstreitkeiten sind meist kein Fall für den Richter, sondern können von ehrenamtlichen Schiedsleuten in Schlichtungsgesprächen ohne Anwälte und hohe Kosten schnell bereinigt werden. Das sagt zumindest Marc Würfel-Elberg, Bezirkschef der Schiedsmänner und Schiedsfrauen.

Freitag, 23.06.2017, 21:06 Uhr

Marc Würfel-Elberg ist Bezirksvorsitzender der Schiedsleute in Münster. Die Schlichtung bei ihm am Küchentisch spart für alle Beteiligten Geld, Zeit und Nerven.
Marc Würfel-Elberg ist Bezirksvorsitzender der Schiedsleute in Münster. Die Schlichtung bei ihm am Küchentisch spart für alle Beteiligten Geld, Zeit und Nerven. Foto: hpe

Ein Nachbarschaftsstreit kann den Frieden in einem bislang intakten Wohnviertel zerrütten. Wegen eines überhängenden Astes zerbrechen Freundschaften, statt beim Feierabendbier im Garten, trifft man sich vor dem Richter. „Muss nicht sein“, sagt Marc Würfel-Elberg . Der 40-jährige Unternehmer aus Gremmendorf ist Bezirksvorsitzender im Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen. Unser Redakteur Helmut P. Etzkorn sprach mit ihm über die Aufgaben und Ziele der 16 Schiedspersonen, die in Münster als Streitschlichter aktiv sind.

Wann werden Schiedsleute gebraucht?

Würfel-Elberg: Der klassische Fall ist immer noch der Zwist unter Nachbarn. Grundstücksgrenzen werden überschritten, Hecken und Bäume nicht beschnitten, der abendliche Partylärm aus dem Garten nebenan stört. Nach oft monatelang gärendem Zorn fühlen sich die Betroffenen in ihrer Ehre verletzt und wollen jetzt ihr Recht haben.

Also ein Fall für den Amtsrichter?

Würfel-Elberg: Eben nicht. Die meisten Streitigkeiten des täglichen Lebens lassen sich im Gespräch und mit ein wenig Entgegenkommen von beiden Seiten bei mir am Küchentisch, quasi im Friedenssaal, Auge in Auge regeln. In 50 Prozent aller Fälle gibt es eine außergerichtliche Einigung für unter 100 Euro, und das spart für alle Beteiligten Kosten, Zeit und Nerven.

Ein Praxisbeispiel?

Würfel-Elberg: Zwei Nachbarn waren so zerstritten, da flogen schon Pfähle als Speere über den Zaun, und geantwortet wurde mit gezielten Einsätzen von Gartenschläuchen.

Konnten Sie denn die Streithähne beruhigen?

Würfel-Elberg: Wir haben zu dritt eine Stunde am Tisch gesessen. Ich habe beide Seiten ausreden lassen und als neutraler Mediator versucht, einen Kompromiss zu vermitteln. Zu Problemen kommt es häufig, weil die Menschen nicht mehr miteinander, sondern lieber übereinander reden. Jeder will so viel Freiraum wie möglich, da sind Konflikte oft vorprogrammiert.

Konnten Sie denn im konkreten Fall helfen?

Würfel-Elberg: Am Ende gaben sich beide die Hand. Es wurde eine Vereinbarung unterschrieben, in der ein paar nachbarschaftliche Benimmregeln neu definiert wurden. Das hält bis heute, und kein Richter musste bemüht werden.

Was zeichnet eine gute Schiedsperson aus?

Würfel-Elberg: Hilfreich sind Lebenserfahrung, ein Gespür für Menschen, Zeit und die Kunst, gut zuhören zu können. Man muss kein Jurist sein, es zählt der gesunde Menschenverstand. Unsere Schiedsleute kommen aus allen Branchen und sind zwischen 30 und 70. Die Arbeit ist ehrenamtlich. In allen Stadtteilen gibt es Ansprechpartner, die Amtszeit beträgt fünf Jahre. Gewählt werden Schiedsleute von der jeweiligen Bezirksvertretung, jeder kann dort Vorschläge zur Besetzung machen.

Wie läuft ein Schiedsverfahren ab?

Würfel-Elberg: Die gegnerischen Parteien müssen grundsätzlich bereit sein, sich einigen zu wollen. Dann gibt es einen Termin bei mir. Ich lasse alle ausreden und schaue mir manchmal auch die Situation bei einem Ortstermin an. Am besten ist immer, wenn die Parteien im Laufe des Gesprächs selbst auf die beste Lösung kommen. Der Vergleich wird protokolliert, besiegelt und unterschrieben. Wenn sich eine Partei dann nicht daran hält, geht es vor den Richter.

Können auch Gericht oder Staatsanwaltschaft die Schlichtung anregen?

Würfel-Elberg: Wird Anzeige beispielsweise wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Beleidigung, Verletzung des Briefgeheimnisses oder leichter Körperverletzung erstattet und besteht aus Sicht der Staatsanwaltschaft kein öffentliches Interesse, ist ein Verfahren vor dem Schiedsmann für die Beteiligten Pflicht. Erst nach dem Versuch der gütlichen Einigung kann sich der Betroffene mit seiner Klage ans Strafgericht wenden. Aktuell gilt das beispielsweise für den Fall des notorischen Abfallsammlers in einem Garten in Kinderhaus.

Wie viele Fälle gibt es im Jahr; und sind einige Stadtteile besonders „unfriedlich“?

Würfel-Elberg: Wir haben rund 50 Fälle im Jahr, es gibt keine besonders auffälligen Stadtteile. Meinungsverschiedenheiten gibt es genauso intensiv im Mauritz-viertel wie in Coerde.

Wann können Sie noch hilfreich einschreiten?

Würfel-Elberg: Auch bei Ehestreitigkeiten, dem sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich, beim Streitschlichter-Projekt in Schulen und bei Haftungsfragen.

Wie finde ich die für mich zuständige Schiedsperson?

Würfel-Elberg: Auf der Homepage der Stadt Münster oder bei uns unter www.bds-muenster.de. Dort werden auch viele Fragen zum Thema beantwortet.

Ihr Fazit nach sechs Jahren als Schiedsmann?

Würfel-Elberg: Wir arbeiten recht unbürokratisch und können konkret helfen. Das macht mir Spaß und entlastet auch die Gerichte. Mit Gelassenheit und der Bereitschaft, auch mal eigene Fehler einzuräumen, kann der Frieden oft wieder hergestellt werden. Prozesse durch viele Instanzen sind nicht nur teuer, sondern enden nach Jahren meist auch nicht anders als bei mir am Küchentisch – nämlich mit einem Vergleich.

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