Interview mit Matthias Lückertz
„Wir müssen ein höheres Tempo in vielen Bereichen der Stadtentwicklung vorlegen“

Münster -

Seit 2012 ist Matthias Lückertz Vorsitzender der Kaufmannschaft. Kurz bevor er das Amt abgibt, blickt er im Interview auf die großen Themen der letzten Jahre in Münster zurück und erklärt, wo der Schuh in der Stadt drückt.

Freitag, 19.01.2018, 20:01 Uhr

Matthias Lückertz ist seit 25 Jahren im Verein der Kaufmannschaft aktiv, seit dem Jahr 2012 ist er deren Vorsitzender.
Matthias Lückertz ist seit 25 Jahren im Verein der Kaufmannschaft aktiv, seit dem Jahr 2012 ist er deren Vorsitzender. Foto: Oliver Werner

An der Spitze des Vereins der Kaufmannschaft zu Münster von 1835 kündigt sich ein Wechsel an. Für den Vorsitzenden Matthias Lückertz (62), der seit dem Jahr 2012 im Amt ist, wird es am Freitagabend (26. Januar) das letzte Kramermahl in dieser Funktion sein. Mit dem geschäftsführenden Gesellschafter der Lückertz Reisebüro GmbH hat sich unser Redakteur Ralf Repöhler unterhalten.

Herr Lückertz, was werden Sie empfinden, wenn Sie dem Oberbürgermeister zum letzten Mal den Ehrentrunk im Silbernen Schiffchen reichen?

Lückertz: Etwas Wehmut und viel fröhliche Dankbarkeit.

Was war Ihnen besonders wichtig in den sechs Jahren als Vorsitzender der Kaufmannschaft?

Lückertz: Die Kaufmannschaft ist und bleibt ein Akteur der Stadtgesellschaft und engagiert sich mit Begeisterung für Münster. Verstärkt haben wir die Verbindung ins Münsterland und nach Westfalen, also den Fokus geweitet und nicht nur auf Münster zentriert.

Das Dauer-Thema „Aktivierung des Schlossplatzes“ hatten Sie von Ihrem Vorgänger Hugo Fiege übernommen. Außer vieler Worte wurde seitens der Stadt nicht viel gemacht.

Lückertz: Die Gemengelage ist kompliziert. Eigentümer des Schlossplatzes ist das Land. Die Stadt hat das Planungsrecht. Dann ist da natürlich das Schloss als Sitz der Universität und drei Mal im Jahr noch der Send, nicht zu vergessen die vielen Parkplätze. Wer hier den Durchbruch schafft, wird sich in Münsters Stadtgeschichte verewigen. Das sollte Ansporn und nicht Abschreckung sein, damit endlich etwas passiert.

Die Universität plant einen Musikcampus an der Hittorfstraße. Wäre der Schlossplatz nicht der bessere Standort dafür?

Lückertz: Das ist kein Wünsch-dir-was-Konzert. Mir scheint der Musikcampus an der Hittorfstraße die realistische Perspektive von Stadt und Universität zu sein.

Sie haben immer auf einen starken Kulturimpuls gesetzt, um Münsters Anziehungskraft zu erhalten. Der Erfolg der Skulptur-Projekte 2017 gibt Ihnen recht.

Lückertz: Die Skulptur- Projekte sind Münsters Tor zur Welt. Das konnte man vor 40 Jahren nicht mal ahnen, da beherrschten Brückenheilige und Kriegerdenkmäler das Bild. Die Skulpturen-Ausstellung muss sich aber auch ständig neu erfinden, wenn sie nicht morgen von gestern sein will. Deshalb ist es gut, dass sie stets zehn Jahre Zeit zur Erneuerung hat.

Welche Skulpturen wird der Verein der Kaufmannschaft erwerben?

Lückertz: Die dem Verein der Kaufmannschaft zum Kauf angebotenen Skulpturen haben keine Mehrheit gefunden, aber vielleicht geht noch etwas.

Dafür unterstützt die Kaufmannschaft die Realisierung des Foucault‘schen Pendels durch Gerhard Richter in der Dominikanerkirche.

Lückertz: Ein Glücksfall! Selbst die Politik hat sich einstimmig für dieses Projekt entschieden. Die Finanzierung ist gesichert, da neben Großförderern auch der Verein der Kaufmannschaft mit einer namhaften Summe seine Beteiligung zugesagt hat. Die Kaufmannschaft möchte mit ihrem finanziellen Engagement ein Signal setzen an Politik, Verwaltung, aber vor allem an alle Bürger unserer Stadt. Wir sind glücklich, dass eine Arbeit des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter hier dauerhaft präsentiert wird.

Was muss Münsters Innenstadt beachten, um ihre Einzigartigkeit zu erhalten?

Lückertz: Wir haben in Münster Entscheidungen für das Gesicht der Stadt behutsamer und vorsichtiger getroffen als andere Städte. Das hängt stark mit unserer abwartenden Mentalität zusammen, die vielleicht die eine oder andere Chance verpasst, aber auch viel Unfug verhindert hat. Unterm Strich sind wir gut damit gefahren, das müssen wir bewahren. Anderswo haben Shopping-Malls und Onlineeinkauf dafür gesorgt, dass selbst am Samstag die Innenstädte so menschenleer sind, als habe die Apokalypse schon stattgefunden. Eine Shopping-Mall simuliert eine Stadt, gehört aber einem Betreiber und hat nach dessen Regeln zu funktionieren. Eine echte Stadt hat ruhige Gassen und prächtige Einkaufsstraßen, aber sie kennt auch Armut, Chaos, Unterschriftensammler und Demonstrationen. Eine Mall hat Öffnungszeiten, ein Management, einen Lageplan und die Hausordnung. Eine Stadt hat Leben.

Herr Lückertz, Sie hatten beim letzten Kramermahl die Politik zum Handeln aufgefordert, von klarer Kante gesprochen und dem Willen zur Umsetzung. Haben Sie den Eindruck, gehört worden zu sein?

Lückertz: Wir brauchen in vielen wesentlichen Fragen mehr Umsetzer und weniger Anreger.

Wo drückt der Schuh?

Lückertz: Dass heute nach unglaublich langer Zeit die Bebauung am Hafen endlich in Gang kommt, grenzt ja fast an ein Wunder, zeigt aber auch deutlich, wie wertvolle Zeit vergeht, bevor etwas passiert. Ich predige nicht den „Schnellschuss“, sondern schon sehr überlegte Entscheidungsprozesse. Wir müssen aber ein höheres Tempo in vielen Bereichen der Stadtentwicklung vorlegen, damit wir mithalten können und nicht zurückfallen, das wäre fatal.

Münster führt eine große Mobilitätsdebatte. Wie sehr sorgt es Sie, dass das Zen­trum angesichts der täglichen Blechlawinen auf den zu engen Straßen immer schlechter zu erreichen ist?

Lückertz: Es sieht doch jeder, dass ein Verkehrssystem, das für maximal 250 000 Einwohner ausgelegt ist, in der wachsenden Stadt mit jetzt schon über 310 000 Münsteranern plus 100 000 Pendlern täglich nicht mehr reicht.

Was halten Sie von der Antwort der Politik, verstärkt auf Tempo 30 sowie auf Bahn und Fahrräder zu setzen?

Lückertz: Das ist kein Trend, der nur auf Münster zutrifft. Entscheidend ist, verkehrspolitisch nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, also das Fahrrad heilig zu sprechen und das Auto zu verteufeln – oder umgekehrt.

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