Forschungsergebnisse präsentiert
Münsters Stadtverwaltung in der NS-Zeit

Münster -

Drei Jahre lang untersuchten junge Historiker die Rolle der münsterischen Stadtverwaltung in der NS-Zeit. Nun wurden die Ergebnisse präsentiert. Münsters Rathaus war kein Hort des Widerstands.

Mittwoch, 31.01.2018, 10:30 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 31.01.2018, 10:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 31.01.2018, 10:30 Uhr
Die jungen Historiker (v.l.) Markus Goldbeck, Annika Hartmann und Philipp Erdmann untersuchten die Rolle der Verwaltung in der NS-Zeit. Neben ihnen: Stadträtin Cornelia Wilkens, Prof. Dr. Thomas Großbölting, Oberbürgermeister Markus Lewe, Prof. Dr. Sabine Mecking und Christoph Spieker (Villa ten Hompel.
Die jungen Historiker (v.l.) Markus Goldbeck, Annika Hartmann und Philipp Erdmann untersuchten die Rolle der Verwaltung in der NS-Zeit. Neben ihnen: Stadträtin Cornelia Wilkens, Prof. Dr. Thomas Großbölting, Oberbürgermeister Markus Lewe, Prof. Dr. Sabine Mecking und Christoph Spieker (Villa ten Hompel. Foto: Oliver Werner

Seit 1989 gibt es in Gievenbeck die Austermannstraße, sie ist nach dem früheren Oberstadtdirektor Heinrich Austermann benannt. Was man damals nicht wusste oder nicht wissen wollte: Während der NS-Zeit half er als junger Assessor in der Stadtverwaltung bei der Arisierung – also Enteignung – jüdischen Eigentums mit. „Er war kein Eiferer“, sagt Prof. Dr. Thomas Großbölting . „Aber er war ein Rad im Getriebe des Nationalsozialismus.“ Heute, vermutet der Historiker der Universität, würde man nach Austermann wohl keine Straße mehr benennen.

Das Forschungsprojekt

Das Projekt „Aufarbeitung der Rolle der Stadtverwaltung im Nationalsozialismus“ war vom Rat der Stadt in Auftrag gegeben worden. Danach wurde es vom Geschichtsort Villa ten Hompel koordiniert und an der Universität Münster am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte bei Prof. Dr. Thomas Großbölting umgesetzt. Mit innovativen Forschungsansätzen setzten sich dort die Historiker Annika Hartmann, Philipp Erdmann und Markus Goldbeck mit dem Thema auseinander.

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"Überzeugte Nazis"

Drei Jahre lang haben junge Historiker mit Großbölting die Rolle der Stadtverwaltung in der NS-Zeit untersucht, am Dienstag stellten sie im Rathausfestsaal vor rund 200 Zuhörern die Ergebnisse vor. Und ja, es gab „überzeugte Nazis“ zwischen 1933 und 1945 – zum Beispiel den damaligen Oberbürgermeister Albert Hillebrand oder Wilhelm Sasse, ab 1938 Rechtsrat, der unter anderem bei Deportationen seine Finger mit im Spiel hatte. Es gab auch „Diener“, pflichtbewusste Beamte, die ohne groß nachzufragen treu den neuen Machthabern folgten. Und Karrieristen, die sich zwar nicht als Nazis sahen, aber mit der neuen Zeit gingen – Leute wie Austermann.

 Die „Schweigenden“ und „Skeptischen“

Und dann waren da noch die „Schweigenden“ und die „Skeptischen“, doch aus dieser Gruppe konnte Markus Goldbeck , einer der Historiker, niemanden benennen. „Die gab es sicherlich auch in Münster, doch sie sind nur schwer zu identifizieren“, so Goldbeck. Neben ihm setzten sich in den vergangenen drei Jahren Annika Hartmann und Philipp Erdmann mit der Materie auseinander. Die Ergebnisse verdeutlichten sie anhand biografischer Beispiele.

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Münster, 20. Mai 1933: die NSDAP-Fraktion auf dem Balkon des Stadtweinhauses   Foto: Stadtarchiv Münster

Biografische Beispiele

Zum Beispiel Albert Hillebrand. Er war laut Hartmann nicht für den höheren Dienst geeignet, wurde aber dennoch Oberbürgermeister. „Eine politische Ernennung“, so Hartmann. Nach einem vorsichtigen Start sei Hillebrand im Laufe der Jahre immer aggressiver geworden. Dennoch wurde er nach 1945 nur als „Mitläufer“ eingestuft.

Oder Rechtsrat Wilhelm Sasse. „Nach 1938 wirkte er an der Ausgrenzung jüdischer Mitbürger mit“, so Philipp Erdmann. „Er hat ihre Enteignung vorbereitet, eine Deportationsliste ergänzte er um 19 Personen, die eigentlich gar nicht deportiert werden sollten.“ Nach dem Krieg wurde er jedoch entlastet – wegen seiner vermeintlich „christlichen Einstellung“. 1952 wurde er in Paderborn zum Stadtdirektor gewählt.

Fazit

Aber es gab auch Personen wie Stadtarzt Dr. Richard Kropf, der nach 1933 nur noch stellvertretender Stadtarzt sein durfte und im Dauerclinch mit seinem neuen Vorgesetzten, einem berüchtigten NS-Anhänger aus Berlin, lag.

Das Fazit von Prof. Großbölting: „Die Verwaltung machte mit – und sorgte so entscheidend dafür, dass der Nationalsozialismus in Münster Fuß fassen konnte.“

Die Ergebnisse der Untersuchung sollen demnächst veröffentlicht werden.

Holocaust-Gedenken im Rathaus-Innenhof

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