1968 in Münster
Krawall und Gummiknüppel

Münster -

Vor 50 Jahren, am 11. April 1968, wurde Rudi Dutschke beim Attentat eines Rechtsradikalen in Berlin schwer verletzt. Die Tat wird heute als zentrales Ereignis der 1968er-­Bewegung gesehen. Auch in Münster begehrten vor allem Studenten auf – weniger heftig als in West-Berlin oder Frankfurt. Studenten verlangten zunächst bei friedlichen Demonstrationen mehr Mitbestimmung. Aber am 6. Juni 1969 eskalierte auch in Münster der Protest.

Donnerstag, 12.04.2018, 15:00 Uhr

 Der Tag nach der gewaltsam beendeten Besetzung des Fürstenberghauses: Die Studenten sind wieder auf der Straße.
Der Tag nach der gewaltsam beendeten Besetzung des Fürstenberghauses: Die Studenten sind wieder auf der Straße. Foto: Willi Hänscheid

Historiker und Beteiligte sind sich einig: Bei den Protesten der 68er-Bewegung „knallte“ es in Münster erst 1969. Zuvor waren die Proteste der Studenten friedlich geblieben. Aber am 6. Juni 1969 kam der Krawall in Münster an. Etliche verletzte Demonstranten und Polizisten, dazu allerlei Sachschaden – das war die Bilanz einer gestörten Dekanatswahl der Philosophischen Fakultät, die als Schlacht um das Fürstenberghaus in die Geschichte der Protestbewegung einging, wie der münsterische Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting in seinem kürzlich erschienenen Band „1968 in Westfalen“ feststellt.

Von den beteiligten Studenten erinnert sich Klaus Ahlbrand , Jahrgang 1949, damals Lehramtsstudent im zweiten Semester der Geschichte und Anglistik.

Der heute 88 Jahre alte Günter Kratz stand am 6. Juni 1969 auf der anderen Seite. Er war vertretungsweise Leiter der Schutzpolizei Münster und befehligte damit den Einsatz, für den es nachher viel Kritik gab.

1968 in Münster

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  • Das Protestplakat erinnert an den Hubschraubereinsatz am 6. Juni 1969. Rollhäuser war der damalige Uni-Rektor, Pape hieß seinerzeit der Polizeipräsident.

    Foto: Rudolf Krause
  • Am Tag danach: Studenten ziehen demonstrierend durch die Stadt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Auch bei der Grundsteinlegung des Kleinen Hauses am Stadtheater protestierten Studenten. Standbild aus dem Film "InterACT!on und Co - Das andere Kino 1968" (BRD 1969, Christoph Busch/Dieter Möller)

    Foto: Standbild Film
  • Eine weitere Studenten-Demonstration gegen die damalige Hochschulpolitik im Winter 1969 am Servatiiplatz.

    Foto: Rudoilf Krause
  • Der Historiker Prof. Thomas Goßbölting hat die 68er-Bewegung in Westfalen erforscht.

    Foto: Karin Völker
  • In sechs Filmforen im Cinema und in der Villa ten Hompel blickt der LWL auf die Studentenbewegung zurück.

    Foto: Matthias Ahlke

Proteste „gegen Missstände in einzelnen Fachbereichen“

„Die Studentenproteste in Münster richteten sich gegen Missstände in einzelnen Fachbereichen“, fasst Klaus Ahlbrand zusammen. Ein Beispiel aus seinem Fach Anglistik: Ein Professor habe ein „Forschungsfreisemester dazu benutzt, einen altenglischen Text ins Altgriechische zu übertragen – wir Studenten forderten dagegen gesellschaftliche Relevanz bei der Forschung – und Mitbestimmung“.

Münster war in diesen Jahren wahrlich kein Ort von Toleranz.

Klaus Ahlbrand
Klaus Ahlbrand

Klaus Ahlbrand Foto: Matthias Ahlke

Das war ein Anliegen, das dem damals 38 Jahre alten Polizisten Günter Kratz durchaus verständlich war, wie er beteuert. „Ich hatte am Beispiel eines Psychologiestudenten mitbekommen, wie willkürlich Prüfungen abliefen, mit welcher Arroganz Professoren bisweilen Studenten behandelten.“ Außerdem erinnert sich Kratz an einen Professor, der vor der später heiß umkämpften Sitzung zu ihm ins Präsidium gekommen sei, um Maßnahmen gegen die Protestierenden mit ihm abzusprechen. „Ich war Stabsoffizier im Krieg, ich weiß, wie man so was macht“, habe der Professor ihm gesagt, erzählt Kratz. Am 6. Juni, als Kratz mit seinen Beamten, verstärkt durch eine Hundertschaft aus Borken, das Fürstenberghaus geräumt hatte, sah er besagten Professor im ersten Obergeschoss des Fürstenberghauses wieder. Kratz weiter: „Er kam aus einem verriegelten Raum, wo sich die Professoren verschanzt hatten und fragte: ,Ist der Fluchtweg frei?’“

Polizeieinsatz „völlig überzogen“

Die protestierenden Studenten, in der Erinnerung von Klaus Ahlbrand einige Dutzend, waren zuvor, teilweise in Panik, vor der Polizei geflohen. Ahlbrand beschreibt den Einsatz als „völlig überzogen: Die Polizeikräfte waren die ganze Zeit – unsichtbar – im Obergeschoss abrufbereit stationiert gewesen und stürmten plötzlich mit einer für uns bis dahin unvorstellbaren Brutalität gummiknüppelschwingend auf uns zu, um das Fürstenberghaus zu räumen (. . .) Vor dem Gebäude trafen wir dann weitere Polizeikräfte, verstärkt um eine Hundestaffel. Dass es durchaus Opfer gab, beweist, dass die Hunde nicht nur abschrecken sollten . . .“ In der Presse war von einem durch die Hunde verletzten Journalisten der Zeitung „Glocke“ die Rede.

Ahlbrand beschreibt zuvor, dass die Studenten an die Türen und Fenster im Fürstenberghaus geklopft hätten, um die Sitzung zu stören, und dass „jemand den Feuerlöscher auf dem Gang Richtung Sitzungssaal traktierte“.

Meine Beamte haben sich als Naziknechte beschimpfen lassen.

Günter Kratz
Günter Kratz

Günter Kratz Foto: Karin Völker

Günter Kratz betont, erst den Befehl zur Räumung gegeben zu haben, als der Protest von Seiten der Studenten gewaltsam eskaliert sei. „Meine Beamten haben sich zuvor als Naziknechte beschimpfen lassen, ohne einzuschreiten.“ Das habe sich geändert, als Akten aus dem Fenster des Fürstenberghauses geflogen seien.

Noch stark vom Geist der Wehrmacht geprägt

Kratz sagt aber selbst, dass die Polizei in jenen Jahren noch stark vom Geist der Wehrmacht geprägt gewesen sei: Er selbst wurde 1949 für den Polizeidienst noch militärisch ausgebildet, mit Kriegswaffen, wie er erzählt. Auf Fotos in seinem alten Album sieht man junge Polizisten, mit Gewehren im Anschlag, in Schützengräben stehen. Kratz: „Das ging 1968 gar nicht mehr.“ Er hält sich zugute, auch in seinem späteren leitenden Positionen an der Polizeiführungsakademie in Hiltrup Polizeireformen im demokratischen Rechtsstaat befördert zu haben. Er ärgerte sich aber auch darüber, dass beim Gedenkgottesdienst der Universität in der Petrikirche wenige Tage nach den Ausschreitungen „ausschließlich der verletzten Studenten gedacht wurde – nicht der Polizisten.“

Für Klaus Ahlbrand bildet der Polizeieinsatz im und um das Fürstenberghaus herum am 6. Juni „eine Zäsur mit vielen Folgen. Am nächsten Tag ging ein Demonstrationszug vom Fürstenberghaus durch die Innenstadt. Es folgten ‚Go-Ins‘, bei denen versucht wurde, Lehrveranstaltungen zu Diskussionsforen über den Einsatz ‚umzufunktionieren‘“. Einige Tage später nahm Ahlbrand, wie er sagt, noch an einer Besetzung des Germanistischen Instituts teil, die erst in den frühen Morgenstunden endete.

„Kein Ort von gelebter Weltläufigkeit und Toleranz“

„Was mit den Auseinandersetzungen um das neue Hochschulrahmengesetz begonnen hatte, endete am Ende des Sommersemesters 1969 mit der Radikalisierung vieler betroffener Studierender – das galt auch für mich“, so Ahlbrand. Sein rückblickendes Resümee: „Münster war in diesen Jahren wahrlich kein Ort von gelebter Weltläufigkeit und Toleranz.“ Eine Bilanz, der auch der Polizist Günter Kratz keineswegs widerspricht.

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