Das etwas andere Konzept in der Jugendhilfe
Gastfamilien als Anker in schwerer Zeit

Münster -

Wenn Jugendliche mit bitterer Vorgeschichte auch in Heim oder Wohngruppe keine Perspektive sehen, hilft mitunter die Vermittlung in eine ganz normale Gastfamilie. Wie dieses Konzept noch verbessert werden kann, darüber tauschten sich Jugendhilfe-Mitarbeiter aus dem Münsterland aus.

Freitag, 20.04.2018, 11:04 Uhr

Erfahrungsaustausch zwischen Sozialpädagogen bei der Tagung des Anbieterverbunds „Junge Menschen in Gastfamilien“, zu der die Evangelischen Jugendhilfe Münsterland ins Jugendgästehaus am Aasee geladen hatte.
Erfahrungsaustausch zwischen Sozialpädagogen bei der Tagung des Anbieterverbunds „Junge Menschen in Gastfamilien“, zu der die Evangelischen Jugendhilfe Münsterland ins Jugendgästehaus am Aasee geladen hatte. Foto: hö

Manche Jugendliche haben so viele bittere Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie gemacht, dass sie für einige Zeit eine intensivere Zuwendung benötigen, als ihnen Kinderheim oder Wohngruppe bieten können. Orientierung und Halt vor allem in der schwierigen Zeit der Pubertät bieten ausgewählte und besonders begleitete Gastfamilien, erklärt Thomas Frank von der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland, die im Anbieterverbund Jumega (Junge Menschen in Gastfamilien) seit zehn Jahren positive Erfahrungen damit gesammelt hat. Bei einer zweitägigen Tagung im Jugendgästehaus am Aasee ging es nun um einen Erfahrungsaustausch unterschiedlicher Jugendhilfeanbieter im Münsterland und die weitere Verbesserung der Vermittlung und Betreuung in Gastfamilien.

Und dies auch auf der Basis einer wissenschaftlichen Auswertung im Rahmen einer Masterarbeit an der Fachhochschule Münster. Diskutiert wurden zudem die besondere Herausforderung der Begleitung jugendlicher Mütter mit Kind in Gastfamilien und Ombudschaften (neutrale Beschwerdestellen) in der Jugendhilfe.

Derzeit werden laut Frank im Münsterland 55 Jugendliche über den Anbieterverbund Jumega in Gastfamilien begleitet – davon angesichts der aktuellen Situation ein Drittel unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und einige Mütter unter 18 mit Kind.

Die Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren bleiben „solange in der Gastfamilie, wie es ihnen guttut“, erklärt Frank – im Schnitt zwei Jahre. Was die jungen Leute so sehnlichst brauchen, „sind Struktur und Normalität“.

Gesucht werden Familien, die diesen Jugendlichen einige Zeit einen sicheren Ort bieten und „als Navigator Orientierung“ ermöglichen. Ganz normale Familien, nicht unbedingt Lehrer oder Therapeuten, bewirken laut Frank oft wahre Wunder. Und oft ergeben sich aus diesen „Wahlverwandtschaften“, wie Frank sie nennt, langfristige und nachhaltige Beziehungen, die weit über zwei Jahre Gastfamilienzeit hinauswirken. So die Erfahrungen beim Anbieterverbund Jumega, der sich bereits seit 20 Jahren der Aufgabe stellt, ein passendes Wohnangebot in Gastfamilien zu schaffen und dabei zu begleiten. Keiner, so Frank werde dabei ins kalte Wasser geworfen. Nach einem Probewohnen und wenn beide Seiten sagen: „Es passt“, komme der Einzug. Bei Bedarf finde die Gastfamilie rund um die Uhr Ansprechpartner bei Mitarbeitern der Jugendhilfe.

Dankbarkeit komme oft zurück. Ein Jugendlicher hat es laut Frank einmal augenzwinkernd so auf den Punkt gebracht: „Man muss schon etwas verrückt sein, um so einen Verrückten wie mich auszuhalten.“ Klare Strukturen und „klare Kante“ auch in der Ansprache helfen machen Jugendlichen mit sehr belastender Vorgeschichte indes, sich zu finden und einen Neustart hinzulegen.

Regelmäßig werden neue Gastfamilien gesucht.  

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